Hirtenbrief unseres Vikars Weihbischof Stephan Turnovszky

Vikariat Nord - Hirtenbrief zur Fasten- und Osterzeit 2019
KATHOLISCHE KIRCHE Erzdiözese Wien
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Hirtenbrief zur Fasten- und Osterzeit 2019 Bischofsvikar Stephan Turnovszky

Liebe Schwestern und Brüder!

Von der Asche zum Feuer

Ein loderndes Feuer hat ungeheuer große Kraft. Wenn es nicht genährt wird, wird es jedoch mit der Zeit immer schwächer, bis nur noch einige Flammen züngeln, und irgendwann verlischt es. Tags darauf findet man nur noch Asche.
Im Kirchenjahr begehen wir es genau umgekehrt: Von der Asche zum Feuer! Von der Asche des Aschermittwochs geht es über die Lichtflamme der Osterkerze, die sich in die Runde verteilt, hin zum Pfingstfest mit seinen mächtigen Feuerzungen. Das ist ein Sinnbild für die Auferstehung und das Neuwerden aus Gottes Kraft. Wir feiern diese Wandlung jedes Jahr im Osterfestkreis, das sind die über 90 Tage der Fasten– und Osterzeit von Aschermittwoch bis Pfingstsonntag. Die Wandlung steht im Zentrum unserer Eucharistiefeiern, und alle unsere kirchlichen Feste thematisieren das wunderbare und erneuernde Wirken Gottes. Dennoch ist für die meisten Pfarren, Gläubigen und auch für mich selbst das Thema „Wandlung“ im persönlichen Leben weder einfach, noch immer angenehm.

Es geht um Wandlung

Der jüngst verstorbene Lyriker und Priester Lothar Zenetti hat das folgendermaßen ins Wort gebracht:
Inkonsequent
Frag hundert Katholiken, was das Wichtigste ist in der Kirche.
Sie werden antworten: Die Messe.
Frag hundert Katholiken, was das Wichtigste ist in der Messe.
Sie werden antworten: Die Wandlung.
Sag hundert Katholiken, dass das Wichtigste in der Kirche die Wandlung ist. Sie werden empört sein:
Nein, alles soll bleiben wie es ist.
Tatsächlich: Wandlung bedeutet auch die Änderungen von Gewohnheiten. Unsere Pfarren senden durch die im Jahresrhythmus unverändert wiederkehrenden Feiern eine widersprüchliche Botschaft aus: Jede Feier – sei es Weihnachten, Ostern, Fronleichnam oder Erntedank – erzählt von Gottes verwandelnden Wundern. Dennoch werden Feiern üblicherweise jedes Jahr gleich inszeniert, und wenn auch nur ein Detail anders gemacht wird als gewohnt, kann das zu hitzigen Diskussionen führen. Denken Sie nur an Änderung bei den Uhrzeiten der Sonntagsmesse!

Bitte um Bereitschaft für Veränderungen

Mit Veränderungen tut man sich eben nicht so leicht. Aus diesem Grund erlaube ich mir, an Sie ein paar praktische Bitten entsprechend den drei Vorgaben unseres Erzbischofs für den Diözesanen Entwicklungsprozess zu richten:
  1. „Mission first“: Alle Tätigkeiten in der Pfarre sollen kritisch darauf untersucht werden, wie sie auf Menschen wirken, die nicht „Pfarrinsider“ sind. Das führt zu Phantasie, wie man diesen Menschen besser entgegenkommen kann. Etwa durch Aufmerksamkeit für die Bedürfnisse der Eltern von Firmlingen und Erstkommunionkindern, wenn sie ihre Kinder in die Kirche oder ins Pfarrheim bringen. Oder: Ich kenne in unserem Vikariat eine Filialkirche, in der es mangels Gläubiger keine Messfeiern mehr gibt. Jetzt soll sie als Jugendkirche für Lobpreisgottesdienste und Gebetsrunden adaptiert werden. So kann man Menschen entgegenkommen, um sie zu Christus zu führen.
  2. Jüngerschaft: Im Glauben wachsen Jünger und Jüngerinnen Jesu besser gemeinsam als alleine. Konkret können wir miteinander über den Glauben sprechen, gemeinsam die Bibel neu entdecken, einander zum Gebet einladen, andere zu Gottesdiensten mitnehmen, Fahrgemeinschaften zur Messfeier anbieten. Ich bin dankbar für Alpha-Kurse, Exerzitien im Alltag, Anbetungsrunden und sorgfältig gestaltete Eucharistiefeiern! Bitte hören Sie nicht auf, ihren Glauben zu vertiefen, und tun sie es mit anderen gemeinsam.
  3. Strukturentwicklung: Zur Gemeinsamkeit gehört auch der Kontakt unter den Pfarren im Entwicklungsraum und die Bildung von Pfarrverbänden. Unser Erzbischof wünscht, dass bis zum Jahr 2022 die allermeisten unsere Entwicklungsräume in die Form eines Pfarrverbandes oder gar einer gemeinsamen Pfarre mit Teilgemeinden übergeführt sein werden. Ich bitte Sie um beherztes und furchtloses Mitgehen bei dieser Neuordnung!
Verbannen sie daher bitte im pfarrlichen Umfeld zwei Sätze aus Ihrem Wortschatz: Sie lauten: „Das war immer so,“ und „Das geht nicht“. Und wenn sie doch geäußert werden, dann erinnern Sie doch schnell und liebevoll an die Wandlung der Asche, die gegen alle Logik zum Feuer wird!
Meine Bitten richten sich an alle in der Kirche, denn wir sind alle zur Wandlung gerufen: auch ich, auch unsere Diözese, auch die ganze Kirche. Die Missbrauchsskandale führen uns das schmerzhaft vor Augen.

Danke!

Am Ende meines Schreibens ist es mir wichtig, Ihnen ein aufrichtiges Danke zu sagen: So viele unter Ihnen tragen das kirchliche Leben in Ihren Pfarren mit! Sie tun es mit dem Gebet oder mit der Übernahme konkreter Verantwortlichkeiten in der Pfarre! Ihnen allen ein aufrichtiges Vergelt’s Gott! Sie sorgen dafür, dass wir nicht Asche, sondern das Feuer der Freude weitergeben.
So treten wir beherzt in den neuen Osterfestkreis ein. Fassen wir den Mut, Gott unsere Bereitschaft zu Umkehr und Wandlung anzubieten. Den Rest wird Er tun, wenn Er das Feuer in den Herzen neu entzündet.

Gottes Segen und Freude begleite Sie!

Ihr Bischofsvikar

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