"Predigt" Familiengottesdienst:

Anstelle einer Predigt habe ich im Familiengottesdienst am Sonntag folgenden Brief verlesen:

Lieber Christoph. [bei dem Empfänger handelt es sich nicht um unseren Herrn Kardinal]
ich möchte Dir von einer Erfahrung erzählen, die mich gefreut und nachdenklich gemacht hat ... Ich gehe an jenem Sonntag im Juli inmitten dieser ländlichen Gegend im Süden Frankreichs zur Kirche und erfahre:
Der Pfarrer, der für zehn Kirchorte zuständig ist, hatte einen Unfall. In den Sommermonaten findet sich aber so schnell kein Vertreter. Den Gläubigen, die zusammengekommen sind, Einheimische und Urlauber, fehlt also ihr Pastor, um diesen von allen sehr geschätzten Augenblick der Begegnung und Besinnung zu feiern.
Das Schiff der alten Kirche, von der Dorfgemeinde wunderschön instandgesetzt worden, ist voller wartender Menschen. Eine Frau ergreift das Wort und erklärt die Situation. Sie ist es auch, die es nun unternimmt, die Gemeinde durch die Feier zu leiten - von Anfang bis Ende, einfach, warmherzig und unaufgeregt. In den vorderen Bänken hat ein kleiner Chor Platz genommen, der von einem Mann in den Fünfzigern geleitet wird und den Gemeindegesang unterstützt.
Wir beten, singen das Gloria und hören die Lesungen. Diejenigen, die sie vorgetragen, haben sich offensichtlich darauf vorbereitet. Nach dem Evangelium berichten die Gottesdienstleiterin und ihr Mann —
es ist der Gitarrist, der den Chor leitet — kurz über Besinnungstage, die sie gerade mit Jugend lichen im Aubrac erlebt haben ... Jemand anderes gibt einen kurzen Kommentar zu den Lesungen. Nach dem Glaubensbekenntnis, den (sorgfältig vorbereiteten) Fürbitten und der üblichen Kollekte setzt eine große Stille ein.
[...]
Danach werden wir alle eingeladen aufzustehen; wir singen das Vater unser und empfangen die Kommunion, begleitet von einer Musik, die zur Meditation einlädt. Wieder taucht die Gemeinde in die Stille ein ... Die Gottesdienstleiterin spricht das letzte Gebet. Vom Ambo aus werden einige Informationen gegeben. Als die letzten Töne des Schlusslieds im Gewölbe verklingen, breitet sich im Kirchenschiff ein fröhlicher Lärm aus.
Ich habe eine Dreiviertelstunde von seltener geistlicher Dichte erlebt. Intensiver denn je wurde mir — wie auch allen anderen, die sich versammelt hatten — klar, dass diese Gemeinde auch in Abwesenheit ihres Pastors weiterhin existierte. Ja, in dieser sehr zerbrechlichen Situation haben wir vielleicht noch deutlicher gespürt, wie erstaunlich bzw. voller Wunder diese sonntäglichen Versammlungen sind.
Ich muss Dir gestehen: Es gab keinen einzigen Moment, in dem ich über die Lage der Kirche, den Priestermangel oder über irgendwelche Maßnahmen nachgedacht hätte, die immer schwieriger werdende pastorale Situation zu meistern. Vielmehr war ich tiefbewegt, voll Bewunderung für diese Christen und ihre Fähigkeit, sofort zu tun, was zu tun war. Zudem war ich voll Dankbarkeit gegenüber dem abwesenden Priester, dessen Art und Weise, die Gemeinde zu leiten, das Ereignis dieses Sonntagmorgens möglich gemacht hat.
Und in diesem Gefühl einer ruhigen Freude stellten sich mir ganz andere Fragen:
  • Was offenbart sich in der Fähigkeit dieser Christen, in der genau richtigen Weise zu reagieren?
  • Wie ist es zu dieser Fähigkeit gekommen, und wie kann sie in Zukunft gefördert werden?

Ich würde mich freuen, bald einmal deine Reaktion auf diese Erfahrung zu
hören.
Sylvain

(aus: Hören, wer ich sein kann - Christoph Theobald - Grünewald Verlag)
 

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