Gerechtigkeit, Gerechtigkeit, ihr sollst Du nachjagen

Predigt im ökumenischen Gottesdienst in der Woche des Gebets für die Einheit der Christen:
Wer ist gerecht? Ich bin überzeugt, der Weg des Glaubens, der Weg der Weisung Gottes, der Weg der Psalmen, soll den Weg des Menschen anleiten zu größerer Gerechtigkeit. Aber, die Tragödie des Lebens Jesu besteht ja gerade darin, dass diejenigen, die am meisten versuchten, durch den Weg des Glaubens gerecht zu werden, das größte Unrecht tun.
Einigen, die von ihrer eigenen Gerechtigkeit überzeugt waren und die
anderen verachteten, erzählte Jesus dieses Gleichnis:
Zwei Männer gingen zum Tempel hinauf, um zu beten; der eine war ein
Pharisäer, der andere ein Zöllner.
Der Pharisäer stellte sich hin und sprach bei sich dieses Gebet: Gott, ich
danke dir, dass ich nicht wie die anderen Menschen bin, die Räuber,
Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner dort. Ich faste zweimal
in der Woche und gebe den zehnten Teil meines ganzen Einkommens.
Der Zöllner aber blieb ganz hinten stehen und wollte nicht einmal seine
Augen zum Himmel erheben, sondern schlug sich an die Brust und betete:
Gott, sei mir Sünder gnädig!
Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt nach Hause hinab, der andere
nicht. Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, wer sich aber selbst
erniedrigt, wird erhöht werden.

Lk 18, 9-14 
Gerechtigkeit hat für mich ganz viel mit Ausgleich zu tun, so wie die römische Göttin der Gerechtigkeit Justitia mit einer Waage dargestellt wird.

Ich hoffe, Sie verstehen mich jetzt richtig, wenn ich die unterschiedlichen christlichen Konfessionen deswegen nicht als einen Skandal empfinde, nicht nur als ein Übel, sondern auch ein Bild dafür, wie notwendig es ist, Ausgleich zu schaffen. Die Schönheit der christlichen Konfessionen liegt darin, dass sie begnadet sind, in ihrer je eigenen Weise zu versuchen, Gott gerecht zu werden. So gleicht die eine Konfession mitunter aus, was bei der anderen zu stark in den Hintergrund getreten ist.
Außerdem bewahrt mich der Skandal der unterschiedlichen Konfessionen davor, meine Form der Gottesverehrung auch innerhalb der katholischen Kirche absolut zu setzen. Der andere, nicht nur als
Konfessionsverschiedener hat ein Recht auf sein Ringen, wie er dem Anruf Gottes gerecht wird.

Genug der Vorbemerkung – meinen persönlichen Annäherungsweg an Fragen der Gerechtigkeit möchte ich mich mit Hilfe einer Stelle aus dem 5. Buch Mose Deuteronomium Kapitel 16 darstellen.
Schriftwort:
Danach sollst du dem HERRN, deinem Gott, das Wochenfest
feiern und dabei eine freiwillige Gabe darbringen, die du
danach bemisst, wie der HERR, dein Gott, dich segnen wird.

3 Aspekte gehen für mich aus diesem Vers hervor:
  1. Die Ernte ist eine Gabe Gottes, sie ist Geschenk von ihm, nicht Verdienst der eigenen Leistung.
  2. zum Feiern eines Festes gehört das Darbringen einer Gabe 
  3. die Höhe bemisst Du anhand dessen, was Du von Gott geschenkt bekommen hast.
Gerechtigkeit entspringt zunächst der Erfahrung, dass alles, was ich habe von Gott empfangenes Geschenk ist und dass ich in meinem Fleiß letztendlich auch nur mir selbst gerecht geworden bin, den Talenten, die Gott in mich hinein gelegt hat.Zweitens wird kein Prozentsatz genannt. An anderen Stellen (so wie in der Lesung weiter oben) lesen wir vom Zehent, also von 10%. Ich glaube, dass nur beides den Menschen gerecht wird: Für manche Zeiten unserer Entwicklung ist es hilfreich, einen festen Wert zu haben an dem man sich orientieren
kann, bevor man gar nichts gibt zum Beispiel. Zugleich hat das Beispiel aus dem Lukasevangelium deutlich vor Augen geführt, dass es nicht darum gehen kann, mich gerecht sprechen zu dürfen, nur weil ich 10% gegeben habe. Jesus, der alles vom Vater empfangen hat, hat ihm auch alles
zurückgegeben und ist auch deswegen der einzige, der Gott je gerecht geworden ist. Aber die Forderung nach völliger Hingabe überfordert, ja erschreckt den Menschen zu sehr, weshalb ich diesen Vers so mag. Er nimmt die Mündigkeit des Menschen ernst, indem er dem Menschen erlaubt, selbst die Höhe der Gabe zu bemessen.
Drittens es ist ein Grund zu feiern, etwas zu geben zu haben. Der Mensch, er sich um Gerechtigkeit müht, zeigt Dankbarkeit und tiefe Freude über das, was ihm geschenkt ist.
So geht es in diesem Abschnitt des Ersten Testaments auch weiter:
Du sollst vor dem HERRN, deinem Gott, fröhlich sein, du, dein
Sohn und deine Tochter, dein Sklave und deine Sklavin, auch
die Leviten, die in deinen Stadtbereichen Wohnrecht haben,
und die Fremden, Waisen und Witwen, die in deiner Mitte
leben. Du sollst fröhlich sein an der Stätte, die der HERR, dein
Gott, erwählen wird, indem er dort seinen Namen wohnen
lässt. Denk daran: Du bist in Ägypten Sklave gewesen! Daher
sollst du diese Gesetze bewahren und sie halten.
Aha, deine Freude, deine Dankbarkeit soll sich ausbreiten. Gerade diejenigen, die auf Deine Gabe angewiesen sind, sollen auch Grund zur Freude und zur Dankbarkeit haben. Dieser Gedanke der Ausbreitung der Freude erinnert mich an einen Abend in der Bar des Wiener Priesterseminars (regelmäßige ZuhörerInnen und Zuhörer meiner Predigten könnten zu dem Schluss kommen, dass ich mehr in der Bar gelernt habe als auf der Uni):
Es ging um die Frage, ob und wie viel man einem Bettler geben soll. Einer der Seminaristen hat im Rückgriff auf eine jüdische Tradition gesagt, man müsse soviel geben, dass der Bettler selbst jemandem anderen etwas davon geben können muss. Ich habe das wirklich ausprobiert: Ich habe einem Bettler etwas gegeben und dann habe ich ihm noch etwas gegeben mit dem Zusatz:
„Sie kennen sicher jemanden, der es noch dringender braucht“.

Und zuletzt möchte ich nur darauf hinweisen, dass zu den Personen, die an dieser Freude teilhaben sollen, die Fremden gehören!
Warum soll sich Deine Freude auf die Menschen in Deinem Machtbereich ausbreiten. Weil es anders sein könnte, weil es anders war, und weil es sicher wieder anders sein wird, wenn Du den Nächsten, die Witwe, den Fremden vergisst. Aufstieg und Untergang des Volkes Gottes war und ist
mit der Sorge um den Armen und den Fremden verknüpft, mit der Sorge um die Gerechtigkeit im eigenen Land verknüpft.
Zwei Verse möchte ich abschließend noch anhängen:
Du sollst das Recht nicht beugen. Du sollst kein Ansehen der
Person kennen. Du sollst keine Bestechung annehmen; denn
Bestechung macht Weise blind und verdreht die Fälle derer, die
im Recht sind.
Gerechtigkeit, Gerechtigkeit - ihr sollst du nachjagen, damit du
Leben hast und das Land in Besitz nehmen kannst, das der
HERR, dein Gott, dir gibt.
5 Mose / Dtn 16, 10-12.19-20
Da ist sie noch einmal, die blinde Justitia, Du sollst kein „Ansehen“ der
Person kennen.
Aber noch wichtiger an diesem Abschnitt ist die Verpflichtung, der
Gerechtigkeit nachzujagen, nach zu jagen, damit du Leben hast
Wie aber mit der Ungerechtigkeit umgehen.
Vor dem Altar stehen Bilder des Künstlers Bahaiden aus einem Bildzyklus
zum Thema Ungerechtigkeit.
Für mich drücken diese Bilder einen Wesensmerkmal der Ungerechtigkeit aus: Ungerechtigkeit, die oft in Dunkelheit, im Verborgenen ihr Unwesen treibt. Ungerechtigkeit, die davon lebt, im Verborgenen wesen zu können.So habe ich zum Abschluss habe ich einen Gedanken mitgebracht, den ich mir von dem Jesuiten Anthony de Mello geklaut habe:
Wenn Du das Böse bekämpfst, dann ist das so wie Schattenboxen. Mit all 
Deiner Kraft wirst Du nichts ausrichten können. Um einen Schatten zu
besiegen, muss man Licht bringen.
Und das wollen wir jetzt auch symbolisch tun. Vor diese Collage an Ungerechtigkeiten steht ein Becken mit Sand. Sie alle sind nun eingeladen Licht in die Ungerechtigkeiten der Welt zu bringen, indem Sie Ihre Kerze entzünden und vor den Bildern in den Sand stecken.

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