Freitag, 9. März 2018

Eine bemerkenswerte Diskussion

Frau Anonym hat heute, Freitag, 10:14 einen Kommentar in unserem Pfarr-Blog verfasst, der an einer Stelle geschrieben ist, wo ihn unsere Leserinnen und Leser nicht entdeckt hätten. Aber unser Pfarrer Markus Beranek hat den Kommentar gelesen und den Kommentar und des Pfarrers Antwort haben wir hier an leicht auffindbarer Stelle zusammengefasst, denn es ist ein aufregendes Thema und wir freuen uns über jeden konstruktiven Kommentar, sehr viele sind es ja leider nicht. Wenn Sie, liebe Leserin, lieber Leser zu diesem Thema mitreden wollen, dann benützen Sie doch die Kommentarfunktion am Ende dieses Artikels.

Der Kommentar von Frau Anonym:

Zuerst einmal der Versuch die Fakten zu sammeln:
Lt. Statistik Austria halten sich Geburten und Sterbefälle österreichweit in etwa die Waage.
(https://www.statistik.at/web_de/statistiken/menschen_und_gesellschaft/bevoelkerung/index.html)
Knapp 1 % Todesfälle und etwas über 1 % Geburten pro Jahr.
In Niederösterreich gibt es statistisch 4,9 Eheschließungen auf 1.000 Einwohner.
(https://www.statistik.at/web_de/statistiken/menschen_und_gesellschaft/bevoelkerung/eheschliessungen/023637.html)
Stockerau hatte 2017 16.955 Einwohner  (http://www.stockerau.at/Ueber_uns/Zahlen_Fakten)

Das Pfarrblatt hat eine Auflage von 6.800 Exemplaren und erreicht demnach ca. 40 % der Stockerauer Bevölkerung. Es weist in der Ausgabe März 2018 im Berichtszeitraum (November 2017? – Februar 2018? = 4 Monate? (Anmerkung der Redaktion:18.11. - 4.2. war der Zeitraum genau)) 27 Todesfälle und im gleichen Zeitraum 7 Taufen, sowie keine kirchlichen Trauungen aus.
Rein statistisch heruntergerechnet auf die Pfarre müssten im Berichtszeitraum ca. 7 kath. Eheschließungen stattgefunden haben.

Folgende Fragen drängen sich mir auf:
Warum liegt die Zahl der (kirchlichen) Todesmeldungen im Berichtszeitraum in etwa im österreichischen Schnitt, während die Zahl der Taufen nur mehr ca. 1/3 der anteiligen Geburten umfasst? Ist die Taufe dermaßen „aus der Mode gekommen“? Hat sich die Struktur der Stockerauer Bevölkerung in ihrem Bezug zur kath. Pfarre bereits dermaßen verändert? Erreicht die kath. Pfarre die jungen Menschen nicht mehr oder bemüht sie sich vielleicht auch gar nicht genug darum? Wird vielleicht der Zuzug, der zu einem großen Teil durch Jungfamilien gebildet wird, überhaupt nicht mehr angesprochen? Rein statistisch heruntergerechnet auf die Pfarre müssten im Berichtszeitraum ca. 7 kath. Eheschließungen stattgefunden haben. Ist die kirchliche Trauung nicht einmal mehr ein hohles Ritual? Haben die kirchlichen Sakramente für die jungen Menschen überhaupt keine Bedeutung mehr? Ist das katholische Lebensmodell überhaupt eines, das im Auslaufen ist? Ja, und warum ist das so? Ist der Religionsunterricht nicht mehr zeitgemäß, so dass sich der Wert der christlichen Lehre für die Menschen überhaupt nicht mehr erschließt? Bin ich inzwischen auch eine „Gestrige“, die die Zeichen der Zeit verschlafen hat? Meine Fragen könnte ich endlos fortsetzen, aber nur noch eine letzte: Gibt es irgendeine Antwort darauf?

Ja es gibt eine Antwort darauf, sogar eine recht schnelle, die natürlich auch wieder Fragen aufwirft. Hier ist die Antwort von Pfarrer Markus Beranek:

Grundsätzlich beobachten Sie hier eine Entwicklung, die für Stockerau, Wien, den deutschen Sprachraum aber im Grunde die gesamte westliche Welt gilt. Wir befinden uns in einem epochalen Umbruch, der sich auch in einem massiven Bedeutungsverlust von Kirche äußert. Relativieren möchte ich die von Ihnen genannten Zahlen nur soweit, dass wir das Pfarrblatt an Haushalte und nicht an Einzelpersonen verteilen und obendrein dort nicht einwerfen können, wo Werbung unerwünscht ist. Taufen und Hochzeiten verteilen sich nicht regelmäßig über das ganze Jahr, daher finden in den Wintermonaten nur ganz wenige Taufen und Hochzeiten statt (Anmerkung der Redaktion:  Auch die Märzausgabe der Stockerauer Stadtzeitung meldet im Zeitraum 14.11 - 13.2.2018 "nur" 3 Geburten, aber 16 Sterbefälle). Die Zahlen des Vorjahres wären etwa 73 Taufen, 81 Erstkommunionkinder, 82 Firmungen, 20 kirchliche Hochzeiten, 115 kirchliche Begräbnisse,  aber auch 111 Austritte aus der katholischen Kirche (und 6 Eintritte).

Die Gründe sind vielfältig: Menschen leben ihren Glauben individueller, die Bedeutung von öffentlichen Institutionen wird insgesamt geringer, die religiöse Vielfalt wird größer – aber wenn Sie sich in Ihrem Freundes und Bekanntenkreis umhören, werden Sie vermutlich eine ganze Reihe persönlicher Gründe hören.

Diese Entwicklung beschäftigt uns als Diözese und als Pfarre sehr stark. Ein Aspekt ist es, dass wir mit April des vergangenen Jahres den Pfarrverband Am Jakobsweg-Weinviertel errichtet haben, in dem fünf Pfarren in Zukunft stärker miteinander kooperieren werden. Darüber hinaus sind wir auf vielfältige Weise am Versuchen, wie wir neu auf Menschen zugehen können. Ein Schritt dabei ist es, dass wir uns bemühen in den Sonntagsgottesdiensten auf unterschiedliche Zielgruppen verstärkt einzugehen. Das trägt teilweise Früchte, teilweise stehen wir damit noch sehr am Anfang. Für unsere Diözese und unsere Pfarre erlebe ich sehr inspirierend den Austausch mit der anglikanischen Kirche in London, wo diese Entwicklung sich bereits vor 30 Jahren deutlich abgezeichnet hat. In einzelnen Gemeinden wurden dort Antworten gefunden, die sich auch dadurch auszeichnen, dass junge Menschen dort auf einmal wieder ihren Platz in der Kirche entdecken können. Die Herausforderung ist sicher, dass sich Dinge nur in vielen kleinen Schritten verändern lassen und dass es nicht eine einfache Antwort gibt. Allein das Thema Gottesdienstgestaltung zeigt, wie unterschiedlich Menschen sind und was für die einen ansprechend und einladend ist schreckt die anderen ab und umgekehrt.

Ich erlebe diese Entwicklung selbst als sehr herausfordernd und sie findet in einer atemberaubenden Geschwindigkeit statt. Sie macht mir Sorgen und auch Hoffnung. Vieles wird sich verändern. Aber die Chance ist, dass Menschen ihren Glauben neu und bewusster entdecken. Wenn ich in diesem Zusammenhang an unsere Alpha-Abende (http://alphakurs.at) denke, wo Menschen sich zu Begegnung, Impulsen, Austausch und Gebet treffen, dann habe ich viel Hoffnung, dass inmitten all dieser Abbrüche und Veränderungen auch etwas Neues, sehr Lebendiges zu wachsen beginnt.

Insofern freut es mich, dass Ihnen diese Entwicklung Sorge bereitet, auch darin kann ein wichtiger Schritt zu einer positiven Veränderung liegen – wo sehen Sie Ihren Platz, Kirche mit zu gestalten und zu einer guten Zukunft beizutragen? Ich freue mich, von Ihnen zu hören, mit einem herzlichen Gruß

 Markus Beranek, Pfarrer

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