Montag, 19. Februar 2018

Predigt 1. Sonntag der österlichen Bußzeit - ANFANGEN

Predigt von Pfarrer Markus Beranek am Sonntag, den 18. Februar 2018.
Predigt 1. Sonntag der österlichen Bußzeit

Viele Menschen tragen die Sehnsucht in sich, in ihrem Leben etwas zu verändern. Manche sehnen sich nach einem wirklichen Neubeginn: in ihrer Beziehung oder nach dem Zerbrechen einer Beziehung, im beruflichen Kontext, mit dem Beginn der Pension und auch nach dem Tod eines lieben Menschen.

Andere haben den Wunsch in einzelnen Bereichen achtsamer zu leben: sich bewusster zu ernähren, mehr Bewegung zu machen, mehr Zeiten und Räume für sich selbst zu finden, mit mehr Muße andere Menschen zu treffen.

Der erste Sonntag der österlichen Bußzeit thematisiert ausführlich das Thema des Neubeginns.

Da ist zunächst die Geschichte von der Sintflut. Sie ist kein historischer Bericht, sondern versucht den Umstand zu reflektieren, dass es auf der Welt unendlich viel Hass und Gewalt gibt. Gott sieht all dem nicht tatenlos zu, sondern ermöglicht einen neuen Anfang. Der Fokus liegt auf der Errettung des Noach und seiner Familie und auf dem Versprechen Gottes, dass er nie mehr die Erde vernichten wird. Der Regenbogen steht dafür, dass Gottes Erbarmen größer ist als alle Schuld. Deshalb wurde diese alte Erzählung nach der Zerstörung Jerusalems neu aufgegriffen, um den Menschen zuzusagen: auch wenn eure Vorfahren oft nicht nach der Weisung Gottes gelebt haben: fürchtet euch nicht, Gott hat von seiner Seite einen Bund mit den Menschen geschlossen, der allein von seinem Ja, von seiner Zusage abhängt.

So wie die Sintflut 40 Tage dauert, so zieht sich auch Jesus 40 Tage in die Wüste zurück. „Er lebt bei den wilden Tieren“ schreibt Markus. Ich denke, das ist eine Anspielung, dass er sich in diesen Wochen mit all den dunklen Seiten in seiner Seele auseinandergesetzt hat. Mit der Versuchung der Macht, mit der Versuchung zu glänzen, aber vielleicht auch mit der Versuchung ein zu enges Gottesbild zu haben und selbst an Gott zu verzweifeln. Markus lässt aber auch die andere Seite dieser Wochen anklingen „und die Engel dienten ihm“. Ein wahrlich paradiesisches Bild, ein Ausdruck für die Freude an Gott, die Jesus in diesen Tagen auch erfahren hat. Die Tage des Fastens haben für Jesus anscheinend viele innere Ambivalenzen geklärt. Nach der Hinrichtung Johannes des Täufers geht er ins blühende Galiläa und beginnt dort seine Botschaft zu predigen, dass die Herrschaft Gottes unsere Wirklichkeit bereits jetzt erfasst und dass wir uns deshalb der frohen Botschaft anvertrauen können.

Halten wir an dieser Stelle inne, um diese Text für uns auszuwerten. Wenn wir in uns die Sehnsucht nach mehr Leben, nach einer größeren Lebendigkeit spüren, wenn wir in uns den Wunsch tragen neu anzufangen, dann braucht es für unsere Seele geschützte Zeiten, Phasen der Stille, wie auch immer wir sie gestalten, unsere Form der Wüste, wo der Druck des Alltags nachlassen kann. Es braucht den Mut, unsere dunklen Seite wahrzunehmen: die Traurigkeit, die da ist, den Ärger, die Verletzungen oder dass einzelne Bereiche einfach nicht geordnet sind: im Bezug auf Alkohol, Rauchen, Essen, Fernsehen, Internet.

Wenn wir nur bei den dunklen Seiten stehen bleibe, können wir daran verzweifeln. Wenn wir zu erkennen beginnen, dass sie in diese anbrechende Herrschaft Gottes eingetaucht sind, dann steht alles in einem neuen Licht da. Neu anfangen heißt, mein Leben und auch meine Defizite im warmen Frühlingswind Gottes zu sehen. Zunächst einmal sind die dunklen Seiten unseres Lebens da – aber sie stehen in der Dynamik Gottes.

Neu anfangen heißt zu entdecken, dass meine Wunden und meine dunklen Seiten Gott nicht von mir abhalten. Vielleicht hat sich Jesus deshalb am Kreuz verwunden lassen, damit er uns mit den Wunden unseres Leben nicht im Stich lässt. Wo wir das zu entdecken beginnen, dort können die dunklen Seiten unseres Lebens zu einer Quelle der Freude werden. Nicht weil sie so lustig sind, sondern weil es unendlich heilsam und tröstlich ist, wenn wir entdecken, dass Gott uns genau dort berührt.

Wenn aber meine Defizite in eine Berührung mit Gott kommen, dann beginnen sie, ihre beängstigende Kraft zu verlieren. Für mich ist das der entscheidende Punkt: das Christentum ist keine Religion eines moralischen Leistungssportes, sondern es ist die Botschaft, dass Gott sich uns zuwendet und dass durch diese Zuwendung Gottes, durch seinen warmen Frühlingswind unser Leben von seinen wunden und dunklen Seiten zu blühen beginnt und lebendig wird.

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