Mittwoch, 1. März 2017

Der Herr Pfarrer schreibt einen Brief an uns

Heute Christ Sein
Ein Brief zur Österlichen Bußzeit von Pfarrer Markus Beranek
Stockerau 2017
Aufbrechen, um zu lernen.
Im letzten Jahr bin ich viel gereist. Aus unserer Diözese waren wir als eine Gruppe auf den Philippinen, um dort an einem Seminar über Kirchenentwicklung teilzunehmen und kleine christliche Basisgemeinden vor Ort zu besuchen. Natürlich eine völlig andere Welt als bei uns und berührend zu erleben, wenn Menschen die Katastrophe des Taifuns vor einigen Jahren im Umgang mit der Bibel deuten und der Austausch sie bestärkt, ihr Dorf wieder aufzubauen.
Es folgte eine weitere diözesane Reise nach London in die anglikanische Pfarre „Holy Trinity“. In dieser sehr säkularisierten Stadt haben sie vor 30 Jahren begonnen, pfarrliches Leben neu zu gestalten: Lebendige Gottesdienste, junge Musik, 600 Menschen, vorwiegend unter 30 Jahren, die an einem Glaubenskurs teilnehmen, Teams, die ausgesendet werden, um an Kirchen, wo das pfarrliche Leben fast erloschen ist, neue Gemeinden zu initiieren.
Inspiriert durch diese Reise habe ich mich selbst mit einem Jahrgangskollegen dann zu einer Reise in die USA angemeldet. Wir haben in einer kleinen Gruppe die Pfarre „Nativity“ in Baltimore besucht. Vor etwa 15 Jahren haben sie begonnen, an ihren Gottesdiensten zu arbeiten und pfarrliches Leben weiter zu entwickeln. Inzwischen hat sich die Zahl derer, die am Sonntag zum Gottesdienst kommen, verdoppelt. 
Im Jänner war dann wie alle zwei Jahre die Dechantenklausur in Passau. Das Thema Kirchenentwicklung begleitet uns. Zum dritten Mal setze ich mich intensiv mit Phasen der Kirchenentwicklung und den damit verbundenen unterschiedlichen Stilen von Leitung und Partizipation auseinander und merke, wie ich völlig am Lernen und am Umdenken bin, gerade im Blick auf unseren entstehenden Pfarrverband. 
Zuletzt Griechenland, Pfarrreise auf den Spuren des Apostels Paulus. Mit seinen Gefährten kommt Paulus nach Philippi, Thessaloniki, Athen und Korinth und es entstehen neue Gemeinden. Immer setzt er bei seinen jüdischen Schwestern und Brüdern an – Lydia ist die erste Europäerin, die getauft wird. Die ersten Gemeinden sind klein, 40 bis 50 Menschen etwa in Korinth. Sie wachsen langsam, aber beständig und so breitet sich die Botschaft Jesu über Europa aus.

Zeit der Umbrüche


Oft höre ich die Klage über das, was nicht mehr geht: Die wenigen Menschen im Gottesdienst, die fehlenden Ministranten, die Jugend, die abgeht. Ich gestehe, wenn ich die verschiedenen Gottesdienstgemeinden im Weinviertel erlebe, wird mir zeitweise auch angst und bang, wenn ich mir den Altersdurchschnitt anschaue. Dann hilft es mir, über den Tellerrand hinauszuschauen. Leben hat sich grundlegend verändert, alleine schon die Formen der Kommunikation durch Handy, Tablet etc.. 
Mein Ziel ist es nicht, einfach vordergründig die Kirche zu füllen. Ich bin froh, dass ich in dieser Zeit lebe. Ich möchte nicht, dass jemand den Glauben aufgezwungen bekommt oder in die Kirche geht, weil die Nachbarn sonst reden. Diese Zeiten sind vorbei. Gott sei Dank. Es wird nicht mehr so wie es war. Ich weiß auch nicht genau, wie es wird. Aber ich habe die Zuversicht, dass diese gesellschaftliche Umbruchsphase eine große Chance bedeutet. Ja, wir werden weniger werden. Wir werden auf manches Gebäude und finanziellen Mittel verzichten müssen. Manche Abschiede werden weh tun. Aber meine weltkirchlichen Begegnungen und auch das, was ich aus unserer Diözese mitbekomme, ermutigt mich, dass wir auch als Kirche wachsen können. Heuer gibt es in unserer Diözese etwa 240 erwachsene Taufwerber.
Ich konnte selbst meinen Glauben zu meinem Beruf machen. Ich kann mir für mich keinen spannenderen Beruf vorstellen, als in dieser Umbruchszeit an einer Transformation von Kirche mitzuarbeiten. Es geht um veränderte Strukturen. Aber noch grundlegender: Es geht darum, dass wir die Freude am Glauben tiefer entdecken.
Das erlebe ich immer wieder, wenn ich in der Früh in Stille vor der Christus-Ikone sitze und bewegt und berührt bin von der Kraft Jesu. Das erlebe ich, wenn ich in meiner Aufgabe als Pfarrer den Sonntagsgottesdienst leite, in die große Kirche hineinschaue und mir bewusst mache: Mit diesen konkreten Menschen hier erbaut sich Gott seine Kirche. Das erlebe ich, wenn ich in der Intensivstation im Krankenhaus zur Krankensalbung bin und im Angesicht des Todes die Hoffnung auf eine gute Zukunft spürbar wird. Natürlich gibt es die Phasen, wo ich müde und verärgert bin und den Eindruck habe, dass nichts weitergeht oder ich mich selber überfordert fühle. Doch die Grundstimmung bleibt: Mein Glaube eröffnet mir eine neue Perspektive und ich möchte diese Freude am Glauben mit anderen teilen. Im kirchlichen Fachjargon nennen wir genau das „Mission“.

Erste Ansätze


Einige Schritte sind bereits gemacht:
  • Im Zuge unseres diözesanen Strukturprozesses sind wir dabei, den Pfarrverband der Pfarren Hausleiten, Stockerau, Leitzersdorf, Haselbach und Niederhollabrunn zu errichten. Ich bin überzeugt, dass es ein unverzichtbarer Schritt ist, über den Kirchturm hinauszuschauen. Nur so können wir der Unterschiedlichkeit der Menschen Rechnung tragen, innerhalb der Kirche und der Pfarren unterschiedliche Wege etablieren, wie Menschen ihren Glauben leben. Sie kennen das ja vom Gottesdienst: die Musik, die den einen gefällt, ist mitunter den anderen ein Graus. Deshalb braucht es verschiedene Formen von Gottesdiensten und ihrer Gestaltung. Natürlich werden in den nächsten Jahre die Katholikenzahlen sinken, auch deshalb müssen wir zusammenrücken, damit gleichzeitig ein neues Wachstum möglich wird, weil nicht jeder alleine dasteht – und die Priester und die anderen Hauptamtlichen nicht als Einzelkämpfer verkommen. 
  • Seit etwa vier Jahren haben wir abseits der großen Öffentlichkeit eine kleine Gruppe Gemeindeerneuerung in unserer Pfarre gebildet. Mit Valentinsfeier und Kindersegnung, Grußkarten und einem Angebot zur Glaubensvertiefung sind wir am Ausprobieren, wie wir Menschen die Botschaft des Evangeliums anbieten können. 
  • Diesem Nachdenkprozess verdankt sich auch dieser Brief. Ich möchte mit Ihnen teilen, was mich/uns beschäftigt und ich bitte Sie, dass wir uns gemeinsam auf den Weg machen, dass unsere Pfarre in vertiefter Weise ein Ort des lebendigen Glaubens wird.

Volk Gottes auf dem Weg


In seinem Schreiben „Evangelii gaudium“ („Die Freude des Evangeliums“) greift Papst Franziskus das Bild vom pilgernden Gottesvolk auf, das das 2. Vatikanische Konzil geprägt hat und schreibt in Nr. 87:
Heute, da die Netze und die Mittel menschlicher Kommunikation unglaubliche Entwicklungen erreicht haben, spüren wir die Herausforderung, die „Mystik“ zu entdecken und weiterzugeben, die darin liegt, zusammen zu leben, uns unter die anderen zu mischen, einander zu begegnen, uns in den Armen zu halten, uns anzulehnen, teilzuhaben an dieser etwas chaotischen Menge, die sich in eine wahre Erfahrung von Brüderlichkeit verwandeln kann, in eine solidarische Karawane, in eine heilige Wallfahrt. Auf diese Weise werden sich die größeren Möglichkeiten der Kommunikation als größere Möglichkeiten der Begegnung und der Solidarität zwischen allen erweisen. Wenn wir diesen Weg verfolgen könnten, wäre das etwas sehr Gutes, sehr Heilsames, sehr Befreiendes, eine große Quelle der Hoffnung! Aus sich selbst herausgehen, um sich mit den anderen zusammenzuschließen, tut gut.
Solche Worte tun mir gut. Ich träume nicht von einer Kirche, wo sich einige Fromme hinter hohen Kirchenmauern als bessere Menschen fühlen. Ich träume von einer Kirche, die nahe am Leben dran ist. Deshalb haben wir den Verein punkt_um gegründet, der Kinder, Jugendliche und deren Familien in psychosozialen Krisensituationen unterstützt. Deshalb das Haus Ibrahim für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Deshalb die Caritassprechstunde und das Kleiderdepot. Deshalb die vielen Kollekten für Caritas, junge Kirchen etc..

Meine Bitten


Für die österliche Bußzeit 2017 lade ich ein, dass wir uns gemeinsam auf den Weg machen
  • In den Sonntagsgottesdienste werden die Predigten die biblischen Texte besonders darauf befragen, was sie uns heute für unser Christsein als Einzelne und als Pfarre sagen.
  • Die Exerzitien im Alltag bieten unter dem Thema „getauft“ einen Übungsweg durch die Fastenzeit
  • In den Fürbitten im Gottesdienst werden wir besonders um Gottes Geist für diesen Weg beten. Ich lade Sie ein, das auch persönlich zu tun. Das Gebet am Ende des Briefes kann dazu eine Hilfe bieten.
  • Beim Vortrag „Kirche wächst. Eindrücke von den Philippinen, London, den USA und Griechenland werde ich von meinen Reisen und dem, was uns auch hier in Stockerau inspirieren könnte, erzählen – herzliche Einladung für Dienstag, 7. März 2017 19 Uhr im Pfarrsaal.
  • Vor allem aber möchte ich Ihnen/ Euch drei Fragen mitgeben. Ich bitte, persönlich darüber nachzudenken und ich lade ein, sie in den verschiedenen Gruppen und Runden der Pfarre zum Thema zu machen
      • Was im pfarrlichen Leben ist für Deinen/Ihren Glauben/Alltag hilfreich und wichtig?
      • Welche gesellschaftlichen Herausforderungen und Chancen nimmst Du/ nehmen Sie wahr, die in der Pfarre bisher zu wenig bedacht werden?
      • In welcher Weise können und wollen Sie dazu beitragen, dass in unsere Pfarre die Botschaft Jesu lebendiger zu erfahren ist?
Mein Anliegen ist es, möglichst viele Menschen aus dem Kreis derer, die mehr oder weniger regelmäßig zum Gottesdienst kommen, zu involvieren. Natürlich werden wir auch im neuen Pfarrgemeinderat über die Rückmeldungen nachdenken und überlegen, wie wir gute Rahmenbedingungen gestalten können. Vor allem aber hoffe ich, dass viele Menschen in unserer Pfarre Lust bekommen im Rahmen ihrer Möglichkeiten kleine und große Schritte zu setzen, dass der Glaube lebendig gelebt wird – alleine und mit anderen, mit denen, die schon immer dabei sind und mit denen, die neu angesprochen werden. Denn ein lebendiger Glaube und eine lebendige Kirche liegen in der Verantwortung von uns allen.

Wir bitten um Rückmeldung


  • Schriftlich in der Box in der Kirche, im Briefkasten beim Pfarrhof oder per Post
  • Oder am einfachsten als Kommentar zu diesem Artikel gleich am Ende der Seite


Für den 25. April 2017 lade ich dann zu einem weiteren Treffen um 19 Uhr in den Pfarrsaal ein – das Thema wird lauten „Heute Christ Sein. Ein Werkstatttreffen, um heute Kirche in Stockerau zu gestalten.“ Wir werden dort die Rückmeldungen präsentieren und überlegen, welche konkreten Schritte daraus folgen werden.
Danke für Ihre Zeit, diese Zeilen zu lesen. Danke für Ihr Nachdenken. Danke für Ihr Beten. Danke für Ihre Rückmeldungen.
Gottes Segen für diese Fastenzeit 2017. Und viel Freude dabei Ihren Glauben tiefer zu entdecken!
Ihr Pfarrer






Gebet für die Pfarre Stockerau

Jesus Christus,
du bist eingetaucht in unser Menschsein,
in unser Leben, in unsere Freude und in unser Leid.
Du vertraust uns deine Botschaft an,
damit wir ein Segen sind für die Menschen,
mit denen wir unterwegs sind.
Öffne uns für deinen Geist.
Hilf uns in den Begegnungen unseres Lebens,
in den Freuden und in der Trauer,
in den Widerständen und Herausforderungen deinen Anruf zu hören
und ermutige uns, dass wir in deiner Kraft neue Schritte setzen,
die uns näher zu dir und näher zu unseren Mitmenschen bringen
und die uns befähigen, Leben und Glauben miteinander zu teilen.





Bildnachweis
Seite 1 (privat): gemeinsames Segensgebet im Gottesdienst einer Basisgemeinde in der Diözese Jaró/Philippinen
Seite 8 (privat) Kuppelmosaik der Taufe Jesu an der Taufstelle der Lydia in Philippi/ Griechenland
Impressum
Pfarrer Markus Beranek, r.k Pfarre Stockerau, Kirchenplatz 3, 2000 Stockerau













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