Samstag, 9. April 2016

Weide meine Schafe

Unser Pfarrer Markus Beranek hat uns den Text seiner Predigt vom 3. Sonntag der Osterzeit (9./10.4.2016) zur Verfügung gestellt. Es geht um das heutige Sonntagsevangelium,  Johannes  21,1-19, das Sie hier gemeinsam mit allen anderen Bibeltexten dieses Sonntags hier lesen können.

Im Evangelium treffen wir heute auf eine verwundete und niedergedrückte Schar der Jünger. Jesus fehlt ihnen. Und sein Verlust ist umso schmerzhafter, als ihnen im Blick auf seinen Leidensweg ihr eigenes Versagen deutlich wird. Petrus etwa hat noch wenige Stunden vor der Verhaftung am Ölberg große Worte gefunden, im Laufe der Nacht hat ihn dann der Mut völlig verlassen, zu seiner Freundschaft mit Jesus zu stehen. Dieses nagende Gefühl, das ihn innerlich auffrisst bringt die Erzählung zum Ausdruck, wenn sie sagt, dass Petrus nackt im Boot ist. Nackt und bloßgestellt fühlt er sich vor sich selber und vor den anderen Jüngern.

In dieser verzweifelten Situation machen die Jünger jedenfalls weiter. Sie gehen fischen. Das ist auch Bild, dass sie ihr Apostelsein weiter zu leben versuchen. Trotz aller Enttäuschung über das Geschick
Jesu und über ihr eigenes Leben gehen sie weiter und werfen ihre Netze aus: sie leben Kirche, sie verkünden die Botschaft Jesu. Aber - und wie bekannt ist uns diese Erfahrung auch heute, und wieviele Eltern finden sich angesichts ihrer Kinder in genau dieser Situation wieder - es bringt nicht. Sie arbeiten, bleiben wach, die ganze Nacht lang, aber es ist alles vergeblich. Sie können niemand für den Glauben begeistern. Die Netze bleiben leer.

Der Mann am Ufer ermutigt sie und so starten sie noch einen Versuch. Werfen das Netz entgegen all ihrer Erfahrung nochmals aus, gehen wieder auf Menschen zu  versuchen es ein wenig anders als bisher – und auf einmal ist das Netz zum Zerreißen voll.

Johannes erkennt in diesem Mann am Ufer Jesus. Jesus, der mit seinem barmherzigen Blick auf seine Jünger schaut. Er verurteilt nicht, er maßregelt nicht, er ermutigt sie, weiterzugehen und zu wachsen. Dieser barmherzige Blick Jesu gibt dem Petrus die Gewissheit nicht länger bloßgestellt zu sein. Dieser barmherzige Blick Jesu gibt ihnen die Kraft, nicht aufzugeben.

Papst Franziskus hat in seinem nachsynodalen Schreiben „Amoris laetitia“ – „die Freude der Liebe“ genau diese Perspektive der beiden Bischofssynoden zum Thema Familie aufgegriffen. Sein Zugang ist, die vielfältigen Lebenssituationen von Menschen, auch dort wo Menschen verwundet und besonders herausgefordert sind, mit der Grundhaltung des Wohlwollens und der Wertschätzung anzuschauen. Zu allererst gilt es, die Schuhe vor dem heiligen Boden der Lebenswirklichkeit anderer Menschen auszuziehen.

Und so schaut auch Jesus auf seine Jünger: auf ihre Bemühen, auf ihr Scheitern. Er geht am Verrat des Petrus nicht kommentarlos vorbei. Aber er tut es nicht, indem er ihn scharf zur Rede stellt, sondern indem er ihm nach seiner Liebe fragt. Diese dreifache Frage berührt genau die Wunde des Petrus, aber es ist eine heilende Berührung, eine Berührung, aus der eine tiefere Freundschaft entsteht, eine Berührung, die Wachsen und Reifen lässt. Genau aus dieser biblischen Erfahrung heraus sind die Worte „wachsen“ und reifen“ auch Schlüsselbegriffe für Papst Franziskus. In der Schule Jesu weiß er, dass Menschen und Beziehungen nicht abgehobene Idealbilder sind, sondern oft in heftigen Herausforderungen stehen. Deshalb kommen die Bischofssynode und der Papst zu diesem grundlegenden Perspektivenwechsel von fertigen, abstrakten Idealbildern hin zu einem wertschätzenden Blick auf unterschiedliche Lebenssituationen. Zu einem Blick, der Menschen ermutigt, weiterzugehen, weiterzuwachsen – so wie die Nähe Jesu die Jünger ermutigt hat, nochmals ihr Netz auszuwerfen.

So könnte das heutige Evangelium und die Auslegung der Botschaft Jesu durch den Papst, wie er es in Amoris laetitia tut, ermutigen, auch für unser eigenes Leben immer stärker uns diesen wohlwollenden, barmherzigen Blick anzueignen.

  • Menschen sind keine zweibeinigen Idealbilder.
  • Auch die Kirche besteht nicht aus lauter menschlichen Idealbildern.
  • In Beziehungen ist der Partner/ die Partnerin nie ein fertiger, vollkommener Mensch, sondern immer im Wachsen und Reifen.

Statt herumnörgeln und kritisieren – das haben auch die kirchlichen hauptamtlichen Texte oft genug getan – können wir in den Fußstapfen Jesu in seinen liebvollen Blick hineinwachsen, der die Leidenschaft und die Liebe, das Ringen und die Not der Anderen wahrnimmt und der ermutigt, weiterzugehen. Die Kirche ist indem Maß barmherzig, indem wir alle, diesen barmherzigen Blick in unserem Alltag selbstverständlich werden lassen.

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