Mittwoch, 10. Februar 2016

Aschermittwochgedanken

Heute ist Aschermittwoch. Für viele Menschen ist das ein Tag zum Nachdenken oder auch der Umkehr, möglicherweise eines exotischen, vielleicht sogar levantinischen Buffets,  aber auch ein Tag von unbarmherzigen Aschermittwoch-Reden. Ich möchte an diesem Tag und im Jahr der Barmherzigkeit ein paar persönliche Gedanken zum Flüchtlingsthema als Bürger von Stockerau niederschreiben.

Seit einiger Zeit beunruhigt mich das Klima des Zusammenlebens in unserer Stadt Stockerau. In den lokalen Internet-Medien wird auch zu Stockerauer “Zuständen” mit Worten geposted, die ich seit den Anfängen der "sozialen" Medien noch nicht gelesen habe. Man hört auf der Strasse Nebenbemerkungen, die einen in ihrer Unbarmherzigkeit und Brutalität erschrecken.

Stockerau hatte schon Ende 2012  mehr als 2500 Mitbürger, die in den letzten Jahrzehnten aus anderen Ländern, teilweise auch als Flüchtende, zu uns gekommen sind. In Stockerau lebten mit Stichtag Ende 2012 Menschen aus 66 verschiedenen Nationen, die mehr als 23 verschiedenen Religionen angehören und mehr als 25 verschiedene Muttersprachen sprechen.  Soweit ich es bisher mitbekommen habe, war dies bisher kein wichtiges Thema in Stockerau. In den lokalen Stockerauer Facebook-Seiten kann ich mich nicht an ein einziges Posting dazu erinnern.

Jetzt sind seit kurzem weniger als 150 neue Mitbürger in unserer Stadt gemeldet, viele Jugendliche aus Afghanistan und Familien aus Syrien, dem Irak und Afghanistan, meist Moslems aller möglichen Konfessionen, aber auch Christinnen und Christen. Jeder dieser Menschen hat eine schreckliche Geschichte hinter sich, die ihn zum Entschluss gebracht hat - von Kabul sind es auf dem Landweg z.B. 6000 km - sein Land zu verlassen. Es lohnt sich, von einigen ihre Geschichte persönlich zu hören. Wir in Stockerau haben nicht zu beurteilen, aus welchem Grund diese Mitbürger jetzt hier sind. Sie sind da und genau so wie wir alle hier gemeldet.  Wir haben das auch nicht bei den 2500 gemacht, die schon hier mit uns länger leben. Sie sind jetzt unsere neuesten Mitbürger und man würde die 150 wohl kaum bemerken, wenn für sie nicht allüberall ein Sonderbeobachtungsstatus gelten würde. Aber auch: Viele Menschen in Stockerau unterstützen diese neuen Mitbürger ehrenamtlich und machen einen hervorragenden Job.

Ich weiß schon, dass die Berichte mit den großen Bildern auch in seriöseren Medien von zehntausenden Fremden, dicht gedrängt, die auf uns zu marschieren, eine gewaltige Macht über uns haben und Menschen dann schnell ein pauschales Vorurteil bekommen. Wir können heute nur mühsam mit ihnen sprechen, sie verstehen unser Land und, was hier anders ist, nach ein paar Monaten naturgemäß noch nicht. Aber schauen Sie sich vielleicht das Bild oben an. Es ist ein Foto, dieser Tage bei einem Spaziergang über einen Hügel bei Göllersdorf gemacht.
Auch dieses Bild hat Macht. Fürchten Sie sich? Es sind junge, fröhliche  Flüchtlinge aus Afghanistan, genauer Hazara aus der Mitte des Landes, wo die Taliban die riesige Buddhastatue zerstört haben und die dortige Bevölkerung verfolgen, weil sie Schiiten sind. Wir haben sie zufällig mitten im Wald getroffen, mit ihnen geplaudert, sie gefragt und wir waren freundlich zueinander. So einfach ist das. Übrigens wohnen auch einige Flüchtlinge aus dieser Gegend in Stockerau, erkennbar am etwas "mongolischen" Aussehen..

Wir können und müssen hier in Stockerau das Flüchtlingsthema nicht lösen, wir Mitbürgerinnen und Mitbürger und die Stadtregierung müssen nur daran arbeiten, dass unsere neuen Mitbürgerinnen und Mitbürger so schnell wie möglich als Mitbürger akzeptiert werden - auch weil sie uns und wir sie besser kennen und verstehen.

Dann wird es in ein paar Jahren sicher tüchtige Geschäftsleute in Stockerau unter ihnen geben, die unsere toten Schaufenster beleben, ordentlich Steuern zahlen und gute Stockerauer werden. Einige werden wieder heim- oder woandershin fahren und dann Gutes von unserer liebenswerten Stadt Stockerau erzählen. Doch schön, oder?

Zahlenquelle: Meine Quelle sind der (schon ältere) Integrationsbericht der Stadtgemeinde, verfasst von Frau Dr. Riedler und diverse Stockerau-Statistiken der Statistik Austria

Ein persönlicher Beitrag von Wolfgang Flandorfer. 

Kommentare:

  1. Ich wünschte, man könnte diese Zeilen auch in der Stadtzeitung veröffentlichen. Diese wird nämlich auch von Menschen gelesen, die am von Wolfgang beschriebenen Klima nicht unschuldig sind. Danke für den Beitrag !!
    Ingrid Muck

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  2. Danke für deine klaren Worte. Besser kann man es nicht sagen. Es ist so traurig, was da momentan in Stockerau abgeht! Bei allem Verständnis für die diversen Ängste, die es gibt. Aber so kann man doch nicht mit Menschen umgehen und über sie reden!

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  3. Angela Flandorfer12. Februar 2016 um 20:32

    Besser hätte man es nicht sagen können! Bin absolut Deiner Meinung, Wolfgang!

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  4. Der Artikel wurde bis jetzt (13.2., 10:45) schon 386 Mal gelesen.

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  5. Danke für diese Worte der Vernunft. Viele dieser Menschen die jetzt böses über Fremde schreiben haben aus nicht unverständlichen Gründen Angst. Oftmals kombinieren sich hier eigene Erlebnisse mit Geschichten anderer und werde potenziert durch irgendwelche boshaft in die Welt gesetzte Gerüchte Dritter. Das macht es uns, die wir helfen wollen, diese Krise möglichst positiv zu überstehen besonders schwer. Die Frage ist: Wem bring es etwas? Warum findet jemand Gefallen daran, Wind zu sähen?

    Mögen Ihre Worte Lieber Herr Flandorfer Gehör und Verständnis finden.

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  6. DANKE lieber Wolfgang! Wahre Worte! Hoffe du veröffentlichst einiges im Pfarrblatt unter der Rubrik christlicher Grundgedanke - das Herz am rechten Fleck oder so.

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  7. Es ist ja fast lächerlich zu behaupten, sich vor ein paar jungen Familien und ein paar unbegleiteten minderjährigen Buben zu fürchten. Ich habe zwei Burschen im Hallenbad persönlich kennen gelernt und mit ihnen geplaudert. Sie waren wirklich sehr nett und versuchten schon ein bißchen deutsch zu sprechen.
    Leider gibt es für den 15 jährigen noch keinen Schulunterricht. Schade

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