Mittwoch, 2. Dezember 2015

Ein herrliches Werk - Zweiter Teil

„Ein herrliches Werk“
Die Entstehung der Kaiser-Franz-Joseph-Jubiläumsorgel in der Stadtpfarrkirche zu Stockerau im Jahre 1888


Von Michael Huber (Teil 2 von 3)

Eine Kirchenorgel im Prater

Pfarrer Lukaseder schreibt, dass die alte Orgel 1885 „in Folge des groben Staubes bei den Restaurierungsarbeiten lungenkrank geworden war“, doch suchte er Rat beim „Arzt“ Johann M. Kauffmann, der ihm zusammen mit dem Vizehofkapellmeister Pius Richter, von dem noch die Rede sein wird, zu einem Neubau riet. Kauffmann war freilich kein neutraler Sachverständiger, sondern selbst Begründer einer renommierten Orgelbaufirma, die in mehreren Generationen Orgeln in ganz Österreich errichtete.
So wurde im Juni 1887 ein Vertrag zur Herstellung geschlossen, der als wesentlichen Punkt beinhaltete, dass „die Orgel in der anlässlich des glorreichen 40jährigen Regierungsantrittes  S. Majestät veranstalteten N. Ö. gewerblichen Industrie-Ausstellung in der Zeit vom 1. Mai 1888 bis Ende der Ausstellung ausgestellt“ wird; ausdrücklich wird weiters festgehalten, dass „dieselbe von der Eröffnung der Ausstellung bis zu deren Schluß stehen bleiben kann, und jedem Organisten, der sich als Fachmann erweiset, zum Spielen gestattet wird.“
Tatsächlich wurde das Werk am 13. Mai 1888 vollendet und in der Jubiläums-Gewerbeausstellung gezeigt. Deren Ziel war es, im 40. Jahr der Regierung Franz Josefs aufzuzeigen, welch „gewaltige Wandlung“ das staatliche und wirtschaftliche Leben seit dem Revolutionsjahr 1848 erfahren hatte und darum als „Fest der Arbeit“ begangen werden sollte. Die Wichtigkeit dieses Ereignisses lässt sich auch daran ablesen, dass die „Tages-Post“ am 15. Mai schrieb, dass diese Gewerbeausstellung „gleiches Interesse wie manche Weltausstellung beanspruchen kann.“ Auch das für Stockerau bestimmte Instrument ist unter dem Aspekt des technischen Fortschritts zu sehen, der sogar in die Kirche Einzug hielt.

Eine „Bruckner-Orgel“?

Kein Geringerer als der Jubilar, Kaiser Franz Josef I., eröffnete persönlich die Ausstellung am 14. Mai und besuchte auch den Raum mit den Musikinstrumenten, „wo nebst der Orgel von J. M. Kaufmann [sic], auf welcher die Volkshymne gespielt wurde, mehr als sechzig Claviere, Pianinos und Harmoniums ausgestellt sind“,  schrieb die „Neue Freie Presse“ am 15. Mai. Noch deutlicher sagte es die Zeitung „Die Presse“, wenn sie schreibt: „Der Kaiser widmete namentlich der Collection Bösendorfer seine Aufmerksamkeit und lauschte dann eine Weile der Volkshymne, die ein musikverständiger Besucher auf der großen Orgel executirte.“ Es wäre völlig undenkbar, dass der Name dieses „Besuchers“ verschwiegen worden wäre, wenn sich dabei um eine berühmte Persönlichkeit gehandelt hätte.
In nahezu allen jüngeren Abhandlungen zur Geschichte der Orgel von Stockerau findet sich allerdings der Hinweis, dass kein geringerer als Anton Bruckner in Anwesenheit des Kaisers darauf gespielt habe – eine Angabe, für die sich bislang kein Quellenbeleg erbringen lässt, im Gegenteil: Hätte man Bruckners Name, der zwei Jahre zuvor mit der Aufführung seines Te Deum in Wien einen großen Erfolg feierte und bald darauf vom Kaiser den Franz-Josephs-Orden verliehen bekam, verschweigen können? Das ist sehr unwahrscheinlich. Der Hinweis auf Bruckner findet sich übrigens erstmals in dem 1968 erschienenen kleinen Stadtführer durch Stockerau des Geschichtsforschers Josef Mayr. Es bleibt die Frage, woher Mayr seine Information hatte.
Möglicherweise findet sich die Antwort in einem Brief, den Mayr im Jahre 1967 an den Schauspieler Götz Kauffmann schrieb, einen Urenkel des Orgelbauers Johann Marcell(inus) Kauffmann, der kurz davor in einer Sendung mit dem Conférencier Heinz Conrads („Guten Abend am Samstag“) aufgetreten war und darin möglicherweise einen Hinweis auf Bruckner und die nachmalige Stockerauer Kauffmann-Orgel gegeben hatte. Mayer schreibt wörtlich: „Ich habe Sie in der letzten Conradssendung gesehen und mit größtem Interesse gehört, was Sie von unserer Orgel gesagt haben. Diese Aussage ist bei uns in Stockerau nicht bekannt. Ich darf Sie bitten, mit zu bestätigen, dass es wahr ist, was Sie gesagt haben, da ich in den nächsten Wochen mit einem Führer durch die Lenaustadt herauskomme und Ihre Aussage sowohl in diesem Führer als auch in einer Abhandlung verwerten will. Bitte schreiben Sie mir alles, was Sie über diese Orgel wissen, damit dieses Wissen über dieses Kunstwerk erhalten bleibt.“ Leider kennen wir das Antwortschreiben, falls es ein solches gab, nicht, sodass Bruckners Spiel auf der Stockerauer Kauffmann-Orgel, falls es überhaupt stattgefunden hat, zu einem anderen Zeitpunkt erfolgt sein müsste.

Fortsetzung folgt.

Wenn Sie den ersten Teil versäumt haben, hier ist er.

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