Mittwoch, 9. Dezember 2015

Ein herrliches Werk - Dritter Teil

„Ein herrliches Werk“
Die Entstehung der Kaiser-Franz-Joseph-Jubiläumsorgel in der Stadtpfarrkirche zu Stockerau im Jahre 1888


Von Michael Huber (Teil 3 von 3)

Kauffmann und Jordan

Der bereits erwähnte Kauffmann sollte tatsächlich österreichische Orgelbaugeschichte schreiben: In mehreren Generationen baute die Firma Johann M. Kauffmann zwischen den 1870er und 1960er-Jahren Orgeln vor allem in Ostösterreich, aber auch im Ausland. Der Erbauer unserer Orgel kam 1849 in Wien zur Welt und verstarb ebenda 1906. Auch sein Sohn Johann (1883-1953) sowie sein Enkel Johann (1910-1965) waren als Orgelbauer in Wien tätig.
Richard Jordan (1847-1922), der Schöpfer des Orgelgehäuses, war ein renommierter und überaus produktiver Architekt, der sich hauptsächlich mit Kirchenbau befasste. Seine bedeutendsten Profanbauten sind das Krahuletzmuseum in Eggenburg und das Erzbischöfliche Knabenseminar in Hollabrunn. Darüber hinaus entwarf Jordan auch Altäre, Kanzeln und andere kirchliche Einrichtungsgegenstände. Das Orgelgehäuse von Stockerau dürfte jedoch sein einziges derartiges Werk sein.
Ein „Prachtwerk heimischer Orgelbaukunst“ und seine Einweihung am 2. Dezember 1888
Unter der  Orgelempore hat sich eine interessante, wenngleich etwas schwer lesbare Inschrift erhalten, die uns die wichtigsten Akteure der Einweihung am 40. Jahrestag des Regierungsantritts Kaiser Franz Josefs I. überliefert: Neben dem Orgelbauer werden hier Pfarrer und Dechant Ernst Lukaseder, der Festprediger Leopold Schranzhofer (er war Religionsprofessor am hiesiegen Gymnasium), Chorleiter Michael Bernauer (er war Volksschullehrer) und nicht zuletzt der Organist Pius Richter (1818-1893) genannt. Richter war nicht irgendein Organist, sondern kaiserlich-königlicher Vice-Hofkapellmeister. Bereits sein Vater, der Kirchenmusiker Johann Vinzent Richter, hatte von sich reden machen, als er in seiner Heimatstadt Warnsdorf in Nordböhmen im Jahre 1830 Beethovens Missa solemnis erstmals vollständig aufführte. Pius Richter wirkte ab etwa 1857 als Musiklehrer am Habsburgerhof und wurde 1877 titulierter Vizehofkapellmeister. Richter trat auch als Komponist von Chor- und Orgelwerken in Erscheinung und war mit Bruckner gut bekannt.
Über die Einweihung berichtete auch ausführlich die Zeitung „Das Vaterland“ am 10. Dezember 1888:
„Wer die Jubiläums-Gewerbe-Ausstellung besuchte, erinnert sich gewiß der schönen, großen Orgel, welche die Musikgalerie zierte und oft viele Hunderte durch ihren mächtigen, die weiten Räume erfüllenden Klang anlockte. Dieses Prachtwerk heimischer Orgelbaukunst, von dem bekannten Orgelbauer Herrn Kaufmann [sic] in Wien ausgeführt, ist am ersten Adventsonntage seinem Zwecke übergeben worden durch die feierliche Einweihung in der Pfarrkirche Stockerau, welche der hochw. Herr Canonicus Lukaseder mit großer Assistenz vornahm. Professor Dr. Schranzhofer hielt eine auf die Weihe und zugleich auf das Regierungsjubiläum Sr. Majestät bezüglich Festpredigt vor dem zahlreichen Publicum und den Spitzen der Behörden, die gekommen waren, um zu hören, wie sich das herrliche Werk in der geräumigen Pfarrkirche Stockerau präsentieren werde.
Die ergreifenden Töne, von der kundigen Hand eines Pius Richter dem Werke entlockt, quollen immer mächtiger durch die weiten Kuppeln des Gotteshauses und erregten allgemeine Bewunderung bei den Zuhörern. Man braucht  das Werk, welches 25 klingende Stimmen zählt, nicht näher zu beschreiben, denn Jedermann hatte bei der Ausstellung Gelegenheit, es zu besichtigen. Nur soll ganz besonders des Meisters Kaufmann rühmend gedacht werden, der sich in diesem Werke ein neues Monument gesetzt hat, welches der Kirche zu [sic] Zierde und allen Gläubigen zur Auferbauung geweiht, nicht nur für kurze Zeit, sondern wie sich voraussetzen läßt, durch mehr als ein Jahrhundert. – Nicht unerwähnt darf es bleiben, daß dieses Werk durch die Energie des hochw. Herrn Canonicus Lukaseder zu Stande gekommen ist, der mit wahrer Begeisterung für die Zierde des Hauses Gottes sorgt.
Der Schreiber des Artikels sollte mit seiner Prognose recht behalten: Bereits über 125 Jahre erklingt die Kauffmann-Orgel Sonntag für Sonntag in der Pfarrkirche von Stockerau. Freilich sollte sie im 20. Jahrhundert große Veränderungen erfahren. Doch diese Geschichte sei einer eigenen Darstellung vorbehalten.



Quellen:

Pfarrarchiv Stockerau: 
1887 Herstellungs- und Kaufvertrag für die Orgel (Karton XXIV 282, 1887, Juni)
Inventarium der Pfarre Stockerau 1897 (Karton XXV, Nr. 83, dat. 8. 11. 1897)
Memorabilienbuch der Pfarre Stockerau vom Jahre 1861 angefangen bis 1926, S. 53.
Archiv der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien: Kauffmann-Archiv [enthält Karteikarten der Fa. Kauffmann mit allen wesentlichen Errichtungs-, Umbau- und Renovierungsdaten, ein Kassajournal 1885-1901 und einen topographischen Ordner St-Stü mit Informationen zur Orgel in Stockerau]

Literatur:
http://www.architektenlexikon.at/de/264.htm: Richard Franz Jordan [Zugriff am 9. 11. 2015]
F. Czeike, Historisches Lexikon der Stadt Wien, Bd. 3 (2004) s. v. Kauffmann Johann (Marcell), S. 482.
H. Heiling, Die Orgelakten der Pfarre Stockerau, Unsere Heimat 64/2 (1993), S. 109-120.
J. Mayer, Stockerau: Führer durch die Lenaustadt, Stockerau 1968, S. 31.
H. Nickel, Die Königin der Instrumente. Zur Geschichteunserer Orgel, Informationen der Pfarre Stockerau Jahrgang 38, 1976/1, S. 8.
Österreichisches Biographisches Lexikon 1815-1950, Bd. 9 (1985), S. 130f. s. v. Richter Pius.
A. Starzer, Geschichte der Stadt Stockerau, Wien 1911, S. 291, Anm. 1, und S. 307.
Zeitungsberichte:
Neue Freie Presse 15. Mai 1888, S. 8 [Bericht über die Gewerbeausstellung].
Die Presse Nr. 135, 15. Mai 1888, S. 1041 [Bericht über die Gewerbeausstellung].
Das Vaterland Nr. 841, 10. Dezember 1888, S. 2 [Einweihung der Orgel in Stockerau].

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