Donnerstag, 26. November 2015

Raum zur Entwicklung

Die Erzdiözese Wien hat gestern per Presseaussendung die Einrichtung von 140 Entwicklungsräumen für die heute 653 Pfarren in allen 3 Vikariaten (Nord, Wien und Süd) bekannt gegeben. Auf den Seiten der Erzdiözese gibt es viel darüber zu lesen, unter anderem auch die Liste aller Entwicklungsräume und den Hirtenbrief zum Thema von Kardinal Christoph Schönborn.
Was das konkret für das Dekanat Stockerau, die Stadt und die umliegenden Gemeinden bedeutet, haben wir unseren Pfarrer und Dechant Markus Beranek gefragt. Hier seine Antwort. Wenn Sie Fragen oder Kommentare haben, können Sie direkt auf diesen Artikel antworten.

Mit 1. Adventsonntag, dem Beginn des neuen Kirchenjahres, starten auch die neuen Entwicklungsräume. Worum geht es nun dabei? Wir haben uns in der Diözese auf den Weg gemacht, stärker über den Kirchturm hinauszuschauen und mehr als bisher über die Pfarrgrenzen hinaus zusammen zu arbeiten. Ein Anstoß dafür sind sicher der Priestermangel und dass die Anzahl der Katholiken bzw. jener, die regelmäßig am Gottesdienst teilnehmen weniger werden. Das bedeutet ganz praktisch auch weniger Kirchenbeitragseinkommen, sodass nicht alles an Dienstposten und Gebäuden auf Dauer finanzierbar sein wird. Viel grundlegender geht es aber darum, dass Gesellschaft sich sehr vielfältig entwickelt und nicht jede Pfarre im Alleingang der Unterschiedlichkeit der Menschen Rechnung tragen kann. Auch im ländlichen Bereich zeigt sich an vielen Orten, dass die Ortschaften sich verändern. Menschen aus der Großstadt ziehen aufs Land, setzen aber ihre „Städtische“ Lebensweise fort.
Pfarrer Dr. Markus Beranek
Das braucht andere Formen der Seelsorge als früher, wo der Großteil der Menschen z.B. in der Landwirtschaft tätig war.
In den vergangen zwei Jahren wurden nun in unserer Diözese in einem längeren Prozess überlegt, welche Pfarren auf Dauer zusammenarbeiten werden. Es war der Versuch, möglichst viele Anliegen zu hören, nicht immer konnten alle Wünsche berücksichtigt werden. Pfarren, die langfristig gesehen verstärkt zusammenarbeiten werden bilden einen Entwicklungsraum, bei uns wird der mit dem zukünftigen Dekanat Stockerau identisch sein. Dieser Prozess des wachsenden Miteinanders verläuft in einzelnen Schritten. Für unser Dekanat werden sich deshalb in den nächsten Jahren zwei Pfarrverbände bilden:
  • Der Pfarrverband bestehend aus den Pfarren Hausleiten, Stockerau, Leitzersdorf, Haselbach und Niederhollabrunn
  • Der Pfarrverband bestehend aus den Pfarren Sierndorf, Oberhautzenthal, Obermallebarn, Höbersdorf, Senning, Großmugl und Herzogbirbaum
  • Die Pfarren Spillern und Kleinwilfersdorf (mit der Filiale Oberrohrbach) haben sich für eine Zusammenarbeit mit Leobendorf entschieden und bilden damit im nächsten Schritt einen Pfarrverband zwischen den beiden Städten Korneuburg und Stockerau, deshalb wechseln diese beiden Pfarren ins Dekanat Korneuburg
Durch die Pensionierung von Pfarrer Gebhard Zenkert bin ich seit 1. September auch für die Pfarren Niederhollabrunn und Haselbach zuständig, wir haben damit schneller als ursprünglich geplant einen großen Schritt in Richtung zukünftigen Pfarrverband gemacht.

Die Herausforderung wird es sein, in diesen neuen Einheiten das gemeinsam zu tun, was die einzelnen mitunter kleinen Pfarren überfordert und das vor Ort weiter zu entfalten, was Kirche nahe an den Lebensorten der Menschen sein lässt. So soll es selbstverständlich weiter in jeder Pfarrkirche einen Sonntagsgottesdienst geben etc.. Die Diözesanleitung verweist immer wieder auf die Erfahrung im deutschen Sprachraum, dass Pfarrverbände ab einer bestimmten Größe (etwa ab 6, 7 Pfarren) sehr schwerfällig und aufwendig zu verwalten werden und weist deshalb darauf hinein, dass die Richtung zur „Pfarre neu“ zielt. Die kann man sich wie kleine Diözesen vorstellen, eine zentrale Kirche ist Pfarrkirche, die bisherigen Pfarrkirchen werden Filialkirchen, an denen aber ein eigenes kirchliches Leben weiterbesteht, während die Hauptamtlichen ihre Zuständigkeiten im Blick auf die Pfarre haben (was nicht ausschließt, dass einzelnen Priester z.B. schwerpunktmäßig für einzelnen Gemeinden zuständig sind). In dieser „Pfarre neu“ arbeiten mehrere Priester und Hauptamtliche zusammen, sodass Einzelkämpfer vermieden werden. Hier ist geplant, dass auf der Dechantenklausur 2019 die bisherigen Entwicklungen ausgewertet werden und dann eine Entscheidung für die Zukunft getroffen wird: bewähren sich die errichteten „Pfarren neu“, bewähren sich die neuen Pfarrverbände? Lässt sich Verwaltung vereinfachen, vor allem aber was trägt bei, dass Kirche nahe am Leben der Menschen lebendig bleibt und  neu lebendig wird? Lebendig wird Kirche, wo Menschen Glaube und Leben miteinander teilen und sich von den Nöten um sich herum herausfordern lassen. Gute Strukturen sind nicht das Leben, aber sie können das Leben behindern oder fördern – damit sie zweckdienlicher werden entwickeln wir sie weiter.

Pfarrer Markus Beranek
Pfarrer von Stockerau, Moderator von Haselbach und Niederhollabrunn
Dechant des Dekanates Stockerau

Bild: Erzdiözese Wien.
Kommentar zum Bild: Die genannten Pfarren bilden einen Entwicklungsraum (blauer und roter Bereich), der in 2 Subeinheiten geteilt ist (rot/blau). Das zukünftige Dekanat Stockerau (ohne Spillern, Kleinwilfersdorf und Oberrohrbach) ist mit dem Entwicklungsraum identisch.

1 Kommentar:

  1. Priestermangel, Mitgliederschwund, leere Gottesdienste, schwindende Kirchenbeitragseinkommen, Finanznöte usw.Trotzdem lethargisches Verhalten der Kirchenvertreter. Kein Interesse auf Menschen zuzugehen und sie einzuladen, sich einzubringen. Ja nicht einmal ein Bemühen, die noch vorhandenen Mitglieder anzusprechen. Das Einzige, was man von der Kirche wahrnimmt, ist die Zahlungsaufforderung für den Mitgliedsbeitrag. Nur am Geld ist man interessiert. Irgendwie verständlich angesichts der Situation, in der sich die katholische Kirche befindet. Aber nicht einmal ein einfacher Kaufmann kann auf Dauer erfolgreich sein, wenn er dem Geldzählen mehr Aufmerksamkeit widmet, als seinen Kunden. Auch kann er nicht einfach irgendwo einen Laden aufmachen und warten, dass wer kommt. Er wird auf seine Kunden zugehen müssen, sich zeigen, sich verständlich machen, mit dem, was er anbietet und sich immer wieder in Erinnerung rufen und seinen Kunden zuhören und sich für sie interessieren. Aber die katholische Kirche ist sich offenbar zu fein, um in die Niederungen der gewöhnlichen Menschen herunterzusteigen. Da lässte man lieber die Menschen zu sich kommen um sie pauschal, sozusagen in einer "Generalaudienz" ein mal pro Woche abzufertigen. So wird man diesen Trend nicht zum Stillstand bringen und schon überhaupt nicht umkehren. Aber offenbar will man das ja auch gar nicht.

    AntwortenLöschen

Wir freuen uns über jeden Kommentar. Und da wir mit konkreten Menschen kommunizieren wollen, bitten wir Sie, nicht anonym zu kommentieren.