Dienstag, 1. September 2015

Predigt und Segen des Gedenkgottesdienstes für den Tod der 71 Flüchtlinge

Für alle, die nicht dabei sein konnten, der Text der Predigt und des Segens von Pfarrer Markus Beranek bei der Gedenkmesse für die 71 erstickten Flüchtlinge.

Predigt

Es macht viele betroffen, dass hier bei uns im Mitteleuropa, anscheinend so weit weg von allen Kriegs- und Krisengebieten 71 Menschen die auf der Flucht in ein besseres Leben waren, tot aufgefunden wurden. Was sich hier bei uns, unmittelbar vor der Haustür ereignet hat, das spielt sich seit Monaten laufend im Mittelmeer ab.
Für all die Toten zu beten heißt ihre Würde zu respektieren. Zu zeigen, dass sie für uns nicht vergessen sind.
Für die Toten zu beten heißt unsere Begrenztheit einzugestehen, dass wir all die Fragen rund um Krieg und Flucht nicht schnell selber lösen können.
Für die Toten zu beten heißt auch zu klagen und zu trauern und damit letztlich auch die Frage auszudrücken: warum, Gott, lässt du solches Unrecht und solche Gewalt in der Welt zu?
Für die Toten zu beten heißt die Hoffnung auszudrücken, dass es eine Heimat, eine letzte Geborgenheit gibt, die menschliche Möglichkeiten übersteigt.

Die Lesung aus der Offenbarung des Johannes bietet hier ein Hoffnungsbild: anstelle der zerstörten und ausgebluteten Städte und Ortschaften tritt das Himmlische Jerusalem, wo Gott mitten unter seinen geliebten Menschen wohnt und wie eine Mutter die Tränen von den Augen seiner Kinder abwischt.

Für die Toten beten will uns helfen, solche Hoffnungsbilder auch für uns lebendig zu halten, damit wir nicht müde werden, kleine und große Schritte zu setzen, die die Welt verwandeln.

Das Evangelium des heutigen Tages, die erste große öffentliche Predigt Jesu in seiner Heimatstadt macht uns deutlich, dass wir in unserem Einsatz für eine gute und gerechte Welt in die Fußspuren Jesu treten. Auch Jesus hat nicht alle Gewalt und alles Unrecht aus der Welt geräumt. Aber er steht für eine Trendwende, er steht für Leben, Gerechtigkeit, Liebe und Freiheit.

Für die toten Flüchtlinge beten heißt also auch darum beten, dass wir mit frohem und zuversichtlichem Herzen selbst auch Menschen dieser Trendwende zur Menschlichkeit, zur Gerechtigkeit und Freiheit sind.

Segen

Seid gesegnete von Gott,
damit ihr barmherzig seid und aufmerksam
menschlich und gut in einer Welt,
in der Mauern und Zäune Menschen trennen und ausgrenzen.

Seid gesegnete von Gott,
damit ihr zuversichtlich seid
in einer Welt,
in der vieles mutlos macht und verzagt.

Seid gesegnet von Gott,
damit ihr den Segen weitertragt,
der Menschen Freiheit schenkt und Heimat
Zukunft und Bleibe.

So segne euch der gute und allezeit treue Gott:
Der Vater und der Sohn und der Heilige Geist

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