Samstag, 16. August 2014

Christenverfolgung

Unter diesem Titel hat der Blogger jobo72 aus Berlin einen interessanten Artikel veröffentlicht, allemal lesenswert. Für mich interessant: der Weg Jesu ist es nicht, seine Verfolger zu besiegen, sondern zu bekehren (siehe die Bekehrung des Saulus unten).

Hier ein Abdruck mit Erlaubnis des Autors. Den Originalartikel finden sie hier ->hier.

Christenverfolgung
Einige Bemerkungen zu Hintergründen und Hilfsmöglichkeiten


1. Als Christus, der Auferstandene, zuvor selbst Opfer von religiös-politischer Verfolgung, den Jüngern begegnet, haben diese die Türen fest verschlossen – aus Furcht vor den Juden(Joh 20, 19), aus Angst vor Übergriffen aus der Mehrheitsgesellschaft Jerusalems. Elf der zwölf Männer, die der Auferstandene anhaucht, denen Er den Geist Gottes spendet und denen Er in diesem Geist den Auftrag zur Mission erteilt, elf der zwölf Apostel Christi finden in der Erfüllung dieses ihres Missionsauftrags den Tod; allein Johannes überlebte die erste Welle der Christenverfolgung. Auch der Völkerapostel Paulus – zu dieser Zeit noch als Saulus an der Spitze der Verfolger (vgl. Apg 6, 58) – fand ein gewaltsames Ende: er wird in Rom enthauptet.

„Warum verfolgst du mich?“ So lautet die Frage Jesu an Saulus (Apg 22, 7). Saulus’ Antwort besteht in einer Gegenfrage: „Wer bist du, Herr?“ (Apg 22, 8). Jesus offenbart sich ihm. „Ich bin Jesus, den du verfolgst“ (Apg 22, 8). Damit ist das Warum der Verfolgung freilich noch nicht geklärt. Vielleicht jedoch schon. Vielleicht steckt die Antwort tatsächlich in der Aussage „Ich bin Jesus“, und vielleicht reicht für die Fälle heutiger Verfolgung bereits „Ich folge Jesus“ als Begründung aus. Vielleicht steckt ja in Jesus selbst der Grund für die Verfolgung.

Jesus stört die bestehende Ordnung zugunsten einer neuen Form des Zusammenlebens, deren Regeln sich weniger vom Gesetz her ergeben, sondern vielmehr von der Liebe her. Jesus irritiert die kulturellen und religiösen Grundlagen der Gesellschaft. Das können die Eliten dieser Gesellschaft, die sich auf jene Grundlagen eingestellt haben, die ihre Macht davon ableiten, nicht hinnehmen. Jesus wusste, dass er den ordnungsliebenden Menschen auf die Füße tritt, wenn er ihre Spielregeln mit Seinen modifizieren will. Er wusste auch, was Seinen Jüngern blüht. Im Johannesevangelium spricht Er es ganz offen aus: „Wenn die Welt euch hasst, dann wisst, dass sie mich schon vor euch gehasst hat. Wenn ihr von der Welt stammen würdet, würde die Welt euch als ihr Eigentum lieben. Aber weil ihr nicht von der Welt stammt, sondern weil ich euch aus der Welt erwählt habe, darum hasst euch die Welt.“ (Joh 15, 18-19).

2. In vielen Wellen der schlimmsten Christenverfolgungen begegnet uns dieses Muster immer wieder. Die neue Lehre trifft auf eine alte Ordnung. Jesus ist das erste Opfer der Christenverfolgung. Es ist fortan das Christentum, das irritiert, es sind Menschen in der Nachfolge Christi, die bestehende Ordnungen in Frage stellen. Und es ist die Gesellschaft, die dagegen hält und sagt: „Es war alles in Ordnung (gemeint ist: in unserer Ordnung), bis ihr kamt! Bis ihr kamt und mit euren alternativen Entwürfen die Menschen verunsichert habt!“

Im Rom und Athen der Spätantike trifft der christliche Gedanke der universellen Freiheit, der Würde aller Menschen als Ebenbilder Gottes auf eine Sklavenhaltergesellschaft mit fest etablierten Rollen, die Menschen verzweckt und ausbeutet. Das passte nicht zusammen. Zudem widersprachen die vielen anthropogenen Götter dem Glauben an den einen Gott, der Mensch wurde, aber Gott blieb. Der Kaiserkult war ohnehin ein gottfernes Menschenwerk in den Augen der Christen. Die urkirchliche Gütergemeinschaft irritierte zudem das kontraktualistische Do ut des-Denken [Anm.: Ich gebe, damit du mir gibst] des antiken römischen Rechts- und Wirtschaftssystems, das sich bis heute in unserem (Wirtschafts-)Recht erhalten hat. Christen sagen: Die Moral muss weiter gehen als das Recht. Liebe darf nicht auf Gegenliebe warten, nicht einmal darauf hoffen. Das wurde damals nicht verstanden. Und heute auch nicht. Wer Dinge verschenkt, die andere verkaufen, verhält sich sittenwidrig. Das ist der juristische Ausdruck für unmoralisch. Der Staat will auch die Nächstenliebe kontrollieren.

Mit der Ausbreitung der Kirche wurde die Christenverfolgung – wie vieles andere auch – zu einem globalen Phänomen. Schaut man sich in den letzten Jahren den Open Doors-Weltverfolgungsindex an, der die fünfzig Länder auflistet, in denen die Christenverfolgung momentan besonders vehement ist, fällt der hohe Anteil islamisch geprägter Staaten auf; 2014 hatten neun der Top Ten Verfolgungsländer eine islamische Bevölkerungsmehrheit – alle, bis auf Nordkorea). In der islamischen Welt (also in der Türkei, in den arabischen Ländern des Nahen und Mittleren Ostens, insbesondere in Syrien und im Irak, sowie in Nordafrika, in Indonesien, in Pakistan, in Afghanistan, im Iran, zunehmend auch in Zentralafrika, vor allem in Nigeria und im Sudan), treffen unterschiedliche religiöse Ordnungen aufeinander, die einen grundverschiedenen Missionsgedanken tragen: Zwang und Freiwilligkeit. Es muss weh tun, wenn Moslems zum schwachen, auf Liebe und Freiheit setzenden Christentum konvertieren, wo man doch selbst so stark ist. Wenn sie die Ohnmacht des Kreuzes vorziehen, einen Gott, der sich erniedrigen lässt. Das erzeugt Ohnmacht und Angst, danach Hass und Aggression. Die divergierenden Menschenbilder tun ihr Übriges: Dass männliche und weibliche Christen gemeinsam beten, ist ein Affront gegen die herrschende Ordnung. Das kann man so nicht hinnehmen. Die Folge: Verfolgung.

3. Das Magazin Newsweek machte bereits Anfang 2012 die Christenverfolgung zum Titelthema. In The Global War on Christians in the Muslim World („Der weltweite Krieg gegen Christen in der islamischen Welt“) schreibt Ayaan Hirsi Ali über die bedrohliche, im „Westen“ aber immer noch unterschätzte bzw. bewusst verharmloste Lage der Christen: „We hear so often about Muslims as victims of abuse in the West and combatants in the Arab Spring’s fight against tyranny. But, in fact, a wholly different kind of war is underway—an unrecognized battle costing thousands of lives. Christians are being killed in the Islamic world because of their religion. It is a rising genocide that ought to provoke global alarm.“ (zu deutsch: „Wir hören so oft von Moslems als Opfer westlicher Verachtung, als Opfer des Kampfes gegen die Tyrannei im Zuge des Arabischen Frühlings. Doch im Grunde läuft hier ein ganz anderer Krieg – eine unbeachtete Schlacht, die Tausende von Menschenleben kostet. Christen werden in der Islamischen Welt aufgrund ihrer Religion getötet. Es ist ein fortschreitender Völkermord, der die Welt alarmieren sollte.“). Wer eine historische und systematische Darstellung dieses Krieges erhalten möchte, sollte Christa Chorherrs Im Schatten des Halbmonds. Christenverfolgung in islamischen Ländern (2013) lesen (Rezension).

Die meisten Opfer der Christenverfolgung in der islamischen Welt leben seit Jahrhunderten als Christen in ihrer Heimat – in den meisten Fällen ein halbes Jahrtausend vor dem Auftreten der Muslime. Die Störung der Ordnung, die wahrgenommen wird, fußt also auf der Expansion des Islam in die Regionen hinein, in denen „Störfaktoren“ wie die christliche Toleranz (das Erdulden des Nächsten in Liebe) und die christliche Konzeption der Menschenwürde (die Gleichberechtigung von Mann und Frau) leitende Prinzipien des Miteinanders sind. Trotz dieser Tatsache folgt in der Rezeption der Christenverfolgung viel zu oft eine Schuldumkehr, vermittels einer beißenden Häme in den Kommentarbereichen führender Online-Medien, die angesichts der Gewalt gegen Christen ausbricht und sogar gegenüber unmittelbar Betroffenen nicht Halt macht, wie etwa im Fall zweier im Jemen ermordeter Krankenschwestern der Bibelschule Brake, die als Christinnen „verdächtigt“ wurden, Missionarinnen gewesen zu sein. Die Suchanfrage „Missionarinnen der Bibelschule Brake tot“ fördert zunächst hauptsächlich kritische bis spöttische Stellungnahmen zu Tage, denen gemein ist, dass sie die Mörder entlasten und den Opfern die Schuld zuweisen, da diese sich in eine Gesellschaft mit Mördern begeben hätten. Dass sie dies als Krankenschwestern taten und vielen Menschen halfen, wird dabei gerne vergessen. Man stelle sich eine solche Argumentation im Fall einer jemenitischen Krankenschwester vor, die in der Nazi-Hochburg Berlin-Lichtenberg ermordet wird. Im Fall der deutschen Krankenschwestern lautet der Tenor: „Wieso mischen sich Christen in das Leben muslimischer Gesellschaften ein? Dürfen sich nicht beschweren, wenn sie dann verfolgt und ermordet werden!“ Das Schema wird dann schleichend auf Christen generell übertragen, auch auf diejenigen, die seit 1900 Jahren in den umkämpften Gebieten leben. Dabei wird nicht nur übersehen, dass friedliche Mission ein Menschenrecht ist, nicht jedoch die Drangsalierung derer, die von diesem Menschenrecht Gebrauch machen (die Selbst schuld-Vorhaltung ist also sowohl für die autochthone Bevölkerung als auch für einreisende Menschen christlichen Glaubens falsch), nein, es wird auch der Sachverhalt komplett auf den Kopf gestellt: Täter ist Opfer und Opfer ist Täter. Die Christen in den Regionen mit der aktuell stärksten Verfolgung (Syrien, Irak) wollen lediglich ihren Glauben frei ausleben, d. h. Gemeinden bilden und Gottesdienst feiern. Mehr nicht. Dass sie von islamistischen Terroristen vergewaltigt, vertrieben, zwangsislamisiert oder ermordet werden, ist unerträglich. Dass man die Verantwortung dafür hierzulande bisweilen mehr den Opfern zuschreibt als den Tätern, ist dies auch.

4. Die Christenverfolgung ist eine der größten humanitären Katastrophen unserer Zeit. Wie viele Christen tagtäglich unter Schikanen, Repressionen und Behördenwillkür zu leiden haben, wissen wir nicht, die Schätzungen gehen von 100 bis 250 Millionen Menschen weltweit. Auch die Zahl der Todesopfer, also der Menschen, die ermordet werden, ausschließlich, weil sie Christen sind, ist unbekannt. Es könnten über 100.000 jährlich sein, vielleicht auch weniger, vielleicht auch mehr. Jenseits der absoluten Zahlen steht fest, dass Christen diejenigen sind, die am häufigsten Diskriminierung aus religiösen Gründen zu erdulden haben – in vier von fünf Fällen trifft es Christen.

Zugleich wird in den Medien immer noch und trotz einiger löblicher Ausnahmen zu wenig darüber berichtet, und wenn, dann zumeist in beschwichtigender Absicht – Tenor: „Alles halb so schlimm!“ Der Schlaglichtjournalismus zeigt ferner nur die Konsequenzen der Christenverfolgung (Zerstörung von Kirchen, Hinrichtungen, Vertreibung), oft herausgelöst aus dem ideologischen Kontext der Verfolgung aus religiösen Gründen. So wird vieles, was Christen im Nahen und Mittleren Osten zu erleiden haben, politischen und ökonomischen Konflikten zugeschrieben, die unter Umständen noch durch ethnische Spannungen aufgeladen sind, deren religiösen Dimension jedoch soweit depotenziert wurde, dass Christenverfolgung als eigener Tatbestand ausfällt. Und das, obwohl offensichtlich ist, dass Islamisten aus religiösen Motiven zu Tätern und Christen aus religiösen Gründen zu Opfern werden.

5. Die Christenverfolgung ist ein globales Problem, das dringend auf die Agenda der deutschen und europäischen Politik gehört. Es wird Zeit für ein religion-mainstreaming, also für die im politischen Entscheidungsprozess fest implementierte Berücksichtigung des Menschenrechts auf Gewissens-, Glaubens- und Religionsfreiheit, etwa auch bei der Frage, welche Länder und Regionen in welcher Weise wirtschaftlich unterstützt werden sollen. Monika Steinbach (CSU) hat jüngst angeregt, die gewährte Entwicklungshilfe an den Umgang mit Christen zu koppeln. Das könnte die Verfolgung in der Tat abschwächen. Ich halte das für bedenkenswert. In jedem Fall ist es gut, die Menschen, die qua Amt und Mandat eine Möglichkeit haben, politisch auf die Situation einzuwirken, an ihre Verantwortung dafür zu erinnern, wie dies Claudia Sperlich getan hat. Und man kann den verfolgten Christen helfen, indem man denen hilft, die den verfolgten Christen helfen, zum Beispiel den Schwestern vom Guten Hirten, die Frauen und Mädchen, die von Vergewaltigungen und Geiselnahmen bedroht sind, in ihrem „Women and Children Safe House“ Zuflucht bieten und für diese wichtige Arbeit Geld von Missio erhalten sollen. Oder den Frauen und Männern von Caritas International, die in Jordanien syrische Flüchtlinge betreuen. Auch eine Unterstützung der Hilfswerke, die die Christenverfolgung weltweit dokumentieren und (so weit dies möglich ist) verfolgten Christen zur Seite stehen, ist eine Möglichkeit; ich denke an Einrichtungen wie Open Doors, Kirche in Not oder die Hilfsaktion Märtyrerkirche (HMK).

Ansonsten können und sollten wir mit unseren verfolgten Schwestern und Brüdern im Gebet verbunden bleiben, auch in der Gewissheit, dass uns letztlich Niemand von Gott trennen kann, von Gott, der Liebe und Wahrheit ist. Im Gegenteil:

Je mehr Verfolgung, umso offensichtlicher wird die Wahrheit.
Lew Nikolajewitsch Tolstoi


(Josef Bordat)

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