Mittwoch, 16. Oktober 2013

Die Pfarre im Netz, Episode 2.0

Rudolpho Duba/pixelio.de
Auch in diesem Magazin war schon davon die Rede, dass Web 2.0 ein wunderbares Medium ist, um Botschaften in die Welt zu transportieren, in diesem speziellen Fall die Botschaft Jesu. Bei aller Begeisterung für die neuen technischen Möglichkeiten müssen wir aber immer die Frage stellen, ob diese nicht Selbstzweck sind, ob wir uns mit ihnen ob ihrer selbst beschäftigen, oder ob sie Mittel zum Zweck sind, Mittel also, die uns helfen, besser wir selbst zu sein. Angeregt durch den Themenschwerpunkt "Der Einzelne in seinen Netzen" in der Zeitung Die Furche 41/2013 hier ein paar Gedanken dazu.

Viele von uns stecken noch im Web 1.0: im klassischen Web 1.0 werden Informationen (Artikel) veröffentlicht und diese können auf der anderen Seite konsumiert werden. Wann diese Informationen konsumiert werden, ist egal: ich kann einen Artikel heute, morgen oder erst nächste Woche lesen, es ist so wie mit einer Zeitschrift. Es handelt sich dabei um eine Informationseinbahn.

Im Web 2.0 geht es hingegen um beidseitige Kommunikation: die Kommunikationspartner diskutieren miteinander, indem sie Nachrichten austauschen. Dies kann im Netz auf unterschiedliche Weise erfolgen: über SMS bzw. seine moderne Variante Twitter, durch Newsgroups und Diskussionsforen, etwa über das Trägermedium Facebook oder Google+, aber auch bei Kommentaren zu normalen Blog Artikeln (wie dies hier einer ist). Dabei trete ich mit einem Du in Beziehung und baue so ein Beziehungsnetz auf.

Aber ist dieses Beziehungsnetz gleichwertig zum Beziehungsnetz, wie ich es zu meinen Eltern, Geschwistern, Freunden, Arbeitskollegen, zur täglichen Brotverkäuferin habe? Wie verhält es sich mit einer Beziehung im Netz, die allzu oft öffentlich ist, bei der alle zuschauen können? Dazu der Literaturwissenschaftler Roland Reuß:
Der Mensch ist ein Geisteswesen und hat eine Spiritualität. Diese Spiritualität, das Offen-Sein für andere, steht im Gegensatz zu dem, was im Internet ständig praktiziert wird: Da geht es darum, sich immer stärker einzuzementieren, sich selbst als Ding mit Eigenschaften zu beschreiben. Das glaubende Subjekt wird so immer mehr seiner Freiheit beraubt, weil es mit seinen Eigenschaften identifiziert wird.
Offenbar will man im Netz nicht so sehr hinhören, was das Gegenüber zu sagen hat, sondern will nur seine eigenen Botschaften platzieren. Die Kommunikationswissenschafterin Miriam Meckel bringt es auf den Punkt:
"Wir haben begonnen, das Telefon wie eine Waffe mit uns herumzutragen, gerichtet auf alle, die eine Frage haben, immer bereit zum Abschuss einer neuen Nachricht."
Es handelt sich um virtuelle Kommunikation, bei der nicht das Du im Zentrum steht, sondern das ich: erst wenn wir an einer Nachricht gefeilt haben und die Inszenierung (und damit der Schein) perfekt ist, wird die Nachricht gesendet. Es handelt sich um Selbstdarstellung mit Zuschauern, d.h. um Kommunikationsautismus. Hinzu kommt ein gewisser Zwang sich zu inszenieren: Ich inszeniere mich, weil Du Dich inszeniert, weil ich mich inszeniere, weil Du Dich inszenierst, ...

Der Sinn eines Pfarrmediums ist es nicht, eine Plattform für das Ausleben von Egoismen zu sein. Und dass die Leser immer online sind, um nichts zu verpassen, ist auch keine Zielsetzung. Andererseits habe ich mehrmals den Zwischenruf gehört, die Pfarre müsse doch auf Facebook präsent sein, sonst wird sie nicht wahrgenommen, ein Blog (wie das Pfarrmagazin) sei eben Schnee von gerstern. In dieser Spannung leben wir: die neuen Wege der heutigen Zeit mitzugehen, aber uns nicht vom Zeitgeist vereinnahmen zu lassen. Und dahinter steht dann auch noch die Überzeugung, dass dabei die "Alten und Schwachen" (d.h. die, die nicht mit dem Netz auf du und du sind) nicht zurückgelassen werden dürfen; das will heißen, auch ohne Internetanschluss müssen die Tore zur Pfarre für alle offen stehen.

Wir werden in diesem Pfarrmagazin weiterhin vom Leben in unserer Pfarre berichten, gespickt mit Gedankensplittern und Betrachtungen - eben klassisch 1.0. Der Schritt zu Web 2.0 bzw. Kirche 2.0 ist ein großer, der ob seiner Gefahren sorgfältig geplant sein will, soll er fruchtbar sein. Beim jetzigen Leserkreis dieses Magazins spürt man keinen großen Druck, wenn man sich die Nutzung der Kommentarfunktion bei den Artikeln ansieht. Es wäre wohl ein Schritt in Richtung neuer Leserkreise. Aber sagen Sie selbst, was halten Sie davon? Ich bin ganz Ohr.


(fjb)

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