Sonntag, 19. Mai 2013

Orgel in Feuer und Flamme

Johannes Lenius
Alexandre Guilmant
Feuer und Flamme waren auch die Zuhörerinnen und Zuhörer in der Pfarrkirche, die Johannes Lenius bei seinem Pfingst-Orgelkonzert unter dem Titel "Feuer und Flamme" zuhörten, das am Pfingssonntag um 19:30 stattfand. Ein virtuoses Konzert, das einen Bogen von Buxtehude (Toccata und Fuge in F-Dur und Choralvorspiel "Komm Hl. Geist"), über das einzige sehr ruhige Stück und einzige bis heute vom Komponisten bekannte Stück Elevazione von Plafuti (über ihn schweigt das Internet), über einen "Hadern" von Bach (die berühmte Toccata und Fuge in d-Moll und das Choralvorspiel "Komm Gott Schöpfer"), eine Toccata im fast schon Rokkoko-Stil von Knecht bis zu einer Fantasie vom Franzosen Guilmant und am Ende zu Peter Planyavsky, einem 66-jährigen Zeitgenossen (5 Versetten zu Veni Creator Spiritus und eine Toccata alla Rumba) spannte. (Können Sie sich noch an den Anfang dieses langen Satztes erinnern?).


Alle nicht quietschenden oder hoch pfeifenden Register unserer Kaufmann-Orgel wurden ausgenützt und es war ein Vergnügen, dem Spiel eine Dreiviertelstunde zu lauschen.

Schade, dass Sie nicht dabei waren.

Übrigens können Sie Johannes Lenius  in der Langen Nacht der Kirche wieder konzertieren hören. Im Wechselspiel zu einem Keyboard mit ganz anderen Tönen wird er auf unserer Orgel zum Schattenspiel "Sonnengesang" (22:45 in der Stadtpfarrkirche) improvisieren, d.h. Musik aus aus seinem Inneren machen.

Hier gibt es noch den Einführungstext von Johannes Lenius zu lesen.

Buxtehude
In der Toccata (steckt das lateinische Wort toccare =schlagen) werden gleich anfangs die Akkorde energisch angeschlagen und entflammt damit eine mitreißende Stimmung mit kurzen freirhythmische Passagen und mit spannenden Dissonanzen. Das Fugentherna ist aus den Motiven der Toccata gebildet, bildet einen ruhigeren aber dennoch heiteren Gegenpart, und geht schließlich wieder in die Akkord-Schläge des Anfangsteiles über.
Das Choralvorspiel ist vorn Ausdruck her bedeutend ruhiger als die feurige Toccata, gleichsam als ruhige Flamme. Die Melodie wird mit einem Soloregister durch zahlreiche Verzierungen vorgetragen, und die anderen Stimmen bilden die Harmonie und verbinden in kurzen Einschüben die einzelnen Verszeilen. Das Lied selbst ein ein alter Pfingstchoral und ist im Gotteslob auf Nr. 247.

Palafuti
Es gibt Kompositionen, die sind einzigartig und Einzelstücke. Von Vincenzo Palafuti ist es das einzige bekannte Werk; von ihm sind auch keine Lebensdaten bekannt. Allein eine Jahreszahl kann genannt werden: er wirkte 1795 in Florenz. Die Elevazione ist eine Musik zur Wandlung in der katholischen Messe. dementsprechend ruhig, verhalten und ist das Werk. Überraschend ist die damalige Zeit die überaus reiche Chromatik, nach der man fast einen zeitlichen Ansatz in der Romantik annehmen könnte.

Bach
Es ist wohl das populärste Orgelwerk überhaupt. Der typische Anfangstn'ller und der dramatische Abwärtslauf und die spannungsgeladene Pause leuchten wie in Feuerzungen auf, und reißen somit die Zuhörerschaft in ein wildes Spannungsfeld. Die Fuge bildet den zum Zuhören weitaus entspannteren Hauptteil. Das Themeneinsätze fließen prägnant, beinahe zweistimmig dahin, viele Echowirkungen wechseln einander ab, nur einmal gibt es einen „MunterMach—Tonleiter—Lauf“, und mündet endlich in einen gewichtigen Pedal—Einsatz. Den Ausklang bildet ein aphoristischer Schlussteil, der in seinen mit kurzen rezitativischen Abschnitten wieder die Spannungsgeladene Stimmung des Anfangs aufbaut.

Der Choral „Komm Gott, Schöpfer, Heilger Geist“ ist die deutsche Version des Hymnus „Veni Creator Spiritus“ (im GOTTESLOB Nr 241). Die Bachsche Bearbeitung stammt ursprünglich aus dem sogenannten Orgelbüchlein. Die Melodie ist im Sopran an erster Stelle, darunter liegen sie Mittelstimmen (als Mittler), und auf jeweils dritten Zählzeit erscheint der Bass. Er bestätigt und vervollständigt die Harmonie — der Heilige Geist, die dritte Person, perfektioniert alles in Harmonie Geschaffene. Später wurde dieses Werk um den zweiten Teil erweitert; diesmal erscheint die Melodie im Bass.

Knecht
Die Toccata von J .H. Knecht (er wirkte im süddeutschen Württembergischen Bereich) trägt wohl den Titel aufgrunde der drei angeschlagenen Töne und des fast durchwegs auftretetenden Non-Legato-Spiels. Im Grunde handelt es sich dabei um eine Fantasie, die deutlich bereits die Stilistik des Rokokko aufweist

Guilmant
Guilmant ist einer der großartigsten Vertreter der französischen Orgelromantik. Sowohl der Titel als auch der Stil unterscheidet sich erheblich von dem der Barockzeit. Das Versett ist eigentlich eine Fantasie, die in eindrucksvoller Weise eine leise bewegte Stimmung erzeugt wird — so wie wenn die Glut im Feuer noch leuchtet.

Planyavsky
Ganz anders sind nun die Versetten über den bereits erklungenen Choral „Veni Creator Spiritus“. Obwohl im moderenen Gewand, sind sie das abwechselnde Singen im monastischen Stundengebet konzipiert Die unterschiedlichen klanglichen Gestaltungsmöglichkeiten sind vielleicht auch Abbild, wie bunt das Spirituelle auftritt.

Die Toccata alla Rumba ist ein Beispiel für die immer versuchte und wahrscheinlich auch anzustrebende Synthese Alt-Neu: Die Toccata als traditionelle Form der Orgelmusik, der Rumba als Vertreter der Tanzmusik. Zusätzlich werden die Tonsprache der Moderne und ein altes Kirchenlied miteinander konfrontiert. Nach den Pleno-Auftakten entwickelt sich - zunächst vorsichtig - im Bass der Rumba-Rhythmus; darüber erscheint eine Melodie, die eigentlich eine Umkehrung eines bekannten Kirchenliedes ist, das sich erst später - nach sich steigender Dynamik - in Originalgestalt zu erkennen gibt: „Nun danket all und bringet Ehr“. Nach der Reprise und einer euphorischen Coda setzt das Werk mit Pleno-Akkorden wieder in moderner Hamonik relativ abrupt den Schlusspunkt.



(Quelle Foto Guilmant: Wikipedia)

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