Dienstag, 12. Februar 2013

Kirche, die Medien und öffentliche Meinung

Hellhörig wurde ich durch ein Interview von Erzbischof Gerhard Ludwig Müller, dem Präfekten der Römischen Glaubenskongregation, in dem er von Diskreditierungskampagnen gegen die katholische Kirche spricht und dabei auch das Wort Pogromstimmung verwendet (im letzten Satz des Interviews, siehe folgender Absatz):

Gezielte Diskreditierungskampagnen gegen die katholische Kirche in Nordamerika und auch bei uns in Europa haben erreicht, dass Geistliche in manchen Bereichen schon jetzt ganz öffentlich angepöbelt werden. Die daraus entstandene Stimmung sieht man in vielen Blogs. Auch im Fernsehen werden Attacken gegen die katholische Kirche geritten, deren Rüstzeug zurückgeht auf den Kampf der totalitären Ideologien gegen das Christentum. Hier wächst eine künstlich erzeugte Wut, die gelegentlich schon heute an eine Pogromstimmung erinnert. (Quelle: DIE WELT).

Irritierend ist dabei, dass ein derartig ranghoher Kirchenvertreter das Wort "Pogrom" in den Mund nimmt, ein Unwort der Jetztzeit, das nur zur Beschreibung von historischen Begebenheiten verwendet wird. Der deutsche Kardinal Meisner schlägt in dieselbe Kerbe und spricht von "Katholikenphobie". Ist die Amtskirche jetzt angerührt oder eingeschnappt, verträgt sie keine Kritik mehr?

Ich glaube das erst verstanden zu haben, als ich nachgeschaut habe, was da in unserem nordwestlichen Nachbarland abläuft. Die Panne, dass eine vergewaltigte Frau von zwei katholischen Kliniken abgewiesen wurde und die folgende Diskussion über die Pille danach bzw. über die kirchliche Position zur Abtreibung wurde ja auch bei uns wahrgenommen. Und in der Talkshow von Günther Jauch ist das Thema Kirche ein Dauerbrenner:  "Wie lebensnah ist die Kirche?", "Wie gnadenlos ist der Konzern Kirche?"

Dem Journalisten Martin Lohmann, Chefredakteur des katholischen Privatsenders K-TV, der in die Talkshow von Martin Lanz eingeladen wurde, um die Position der katholischen Kirche zu vertreten und dies auch konsequent tat, wurde danach seine Dozentenstelle an der Makromedia Hochschule für Medien und Kommunikation entzogen. Begründung: "Die Uni vertritt in ihren Grundwerten ein Menschenbild, in dem verschiedene sexuelle Orientierungen respektiert werden". Nun kann man mit der als konservativ geltenden Meinung von Hrn. Lohmann nicht einverstanden sein, aber ihn deswegen zu feuern ist intolerant (siehe unten).

Die Position des kirchlichen Lehramtes wird heute schnell und oft auch ohne inhhaltliche Reflexion verurteilt. Als Denkanstoß, um diese Position zumindest zu tolerieren, möchte ich hier den Blogger ->fernundtief zitieren:

Ach! Ich bin nun kein Katholik und will es auch nicht werden. Aber als Theologe weiß ich, dass darüber nicht erst seit heute nachgedacht wird. Und wie wenig manche auch die Ergebnisse mögen werden: Auch hinter den katholischen Positionen (“auch”, weil viele denken: Wo ein Dogma ist, wird nicht mehr nachgedacht) steht eine kaum zu ermessende Menge an Arbeit, ernsthaft geleistet von Generationen von Theologen und Denkern. Wie viel Mühe sich “Fachleute für Religion/Ethik” oft machen – und zwar gerade in derartig schwierigen ethischen Konflikten -, das kann Herr Lanz sich offenbar nicht vorstellen.

Stellt sich die Frage, ob die Medien generell antiklerikal eingestellt sind. Dazu meint der Medienwissenschaftler Norbert Bolz:

Es handelt sich um ein sehr altes Phänomen. Journalisten definieren sich als Aufklärer. Und die katholische Kirche gilt schon seit dem 18. Jahrhundert als die gegenaufklärerische Macht schlechthin. Und immer, wenn sie sich gegen den Mainstream stellt und auf unzeitgemäßen Forderungen beharrt, wird dieser Affekt wieder mobilisiert.

Dies als rein bundesdeutsches Phänomen abzutun ist nicht treffend, weil die Diskussionen mit einmonatiger Verspätung regelmäßig nach Österreich überschwappen. Die Diskussion über Kirchenprivilegien und das bevorstehende Volksbegehren dagegen zeigen, dass auch hierzulande die Kirche in der Kritik der öffentlichen Meinung steht.


Josef Bordat bringt auf seinem Blog (->jobo72) die Diskussion schön auf den Punkt:

Dass man Intoleranz nicht toleriert, ist richtig. Doch oft wird Intoleranz mit mangelndem Respekt oder gar dem Fehlen von Sympathie verwechselt und somit mangelnder Respekt oder fehlende Sympathie nicht toleriert. Das ist falsch.

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