Donnerstag, 10. Januar 2013

Vatikanum II: Ökumene

Evang. Pfarrer Brost, Prof. Prokschi, Pfarrer Beranek
Im Rahmen der Vortragsreihe Vatikanum II fand am 8. 1. der Vortrag Die eine Kirche und die vielen Konfessionen. Ökumene in der Sicht des Konzils. im Pfarrzentrum statt. Vortragender war Univ. Prof. Dr. Rudolf Prokschi.

Prof. Prokschi ist ausgezeichneter Spezialist für Ökumene, speziell für orthodoxe Ökumene. Und so war auch sein Vortrag stark in Richtung Osten orientiert. Er konnte den Vortrag durch viele persönliche Erlebnisse mit Menschen aus den Ostkirchen anreichern, man fühlte sich als Zuhörer dadurch direkt involviert.

Um die Unterschiede zwischen den einzelnen Kirchen besser zu verstehen hilft es, die historische Entwicklung anzuschauen, was auch im ersten Teil des Vortrages erfolgte. Von Beginn des Christentums an gab es viele Ausprägungen den Glauben zu leben. Diese Vielfalt sollte als Bereicherung angesehen werden und nicht als etwas Trennendes! Es gab aber von Beginn an auch Streitfragen, die zu Spaltungen führten. So war es zuerst die Frage nach dem Wesen Gottes (nach der Dreifaltigkeit) und danach nach dem Wesen von Jesus Christus (ganz Gott und ganz Mensch), die zu Spaltungen führten. Speziell wurde das Konzil von Chalzedon (451) ausgeführt.

Ausserdem ging es immer auch um Vorherrschaft. In diesen Zusammenhang wurden die fünf altkirchlichen Patriachate genannt, die sich herauskristallisierten (in der Reihenfolge ihrer Bedeutung):




  1. Rom (Apostel Petrus, Paulus)
  2. Konstantinopel (Apostel Andreas)
  3. Alexandria (Evangelisten Johannes, Markus)
  4. Antiochia  (Apostel Petrus)
  5. Jerusalem (alle Apostel)


In weiterer Folge befasste sich der Vortrag mit der Entwicklung der Ostkirche in Konstantinopel, die mit der politischen Entwicklung (Abtrennung des oströmischen Reiches, Fall von Rom) einher ging. Auch wenn es erst 1054 zur Spaltung West- Ostkirche (gegenseitige Bannbulle) kam, so gab es auch im 1. Jahrtausend immer wieder Spannungen zwischen Rom und Konstantinopel.

Beim Unionskonzil (1438/39, sozusagen am Vorabend des Falles von Konstantinopel 1453) kam es zu einer Einigung der beiden Kirchen, die aber dann am Widerstand des kirchlichen Mittelbaues (der Klöster) scheiterte. Nach dem Fall von Konstantinopel wurde es muslimisch und damit gab es auch für die Kirche keine Möglichkeit mehr für Verhandlungen.

Dabei ging es um folgende Differenzen:
  • Verwendung von ungesäuerten (Westkirche) bzw. gesäuerten (Ostkirche) Broten.
  • Aufnahme des Wortes "und" im Glaubensbekenntnis (... des Vaters und des Sohnes... [filioque]); darüber konnte man tatsächlich 1000 Jahre lang streiten.
  • Fegefeuer gibt es im Osten nicht.
  • Vorherrschaft des Papstes.
Bei den ersten Punkten gab es keine großen Probleme, einen Kompromiss zu finden, lediglich der letzte Punkt ist ein inhaltliches Streitthema. Dabei wurde bereits die Kompromissformel gefunden, dass für die Orthodoxie der Bischof von Rom an erster Stelle steht, aber als primus inter pares (Erster unter Gleichen).

Trotz der Spaltung gab es gegenseitige Anerkennung und Wertschätzung, erst zur Zeit der Reformation kam ein Denken auf, das die Unterschiede betonte. Es wurde versucht Teile der Ostkirche zurückzuholen (Heimholungsökumene). Es wurde versucht Sonderverträge mit Teilkirchen zu schließen.

Wer den geschichtlichen Abriss genauer lesen will, sei auf folgende Links als Einstieg verwiesen:

Zeittafel Geschichte des Christentums
Liste der christlichen Konfessionen
Konzil von Chalcedon
Morgenländisches_Schisma
Konzile des Papstes


1948 erfolgte die Gründung des Ökumenischen Rates der Kirchen, aber ohne r.k. Kirche (auch heute ist Rom noch kein Vollmitglied). Der Ökumenische Rat wurde als Angriff auf die katholische Kirche gesehen. Das Hl. Offizium sprach ein ausdrückliches Verbot von ökumenischen Gesprächen aus.


Das Vatikanum II brachte auch hier ein Umdenken; die Wiederherstellung der Einheit war eine der Hauptaufgaben des Konzils. Am 21.11.1964 bei der Abschlussabstimmung des Vatikanums wurde ein entsprechendes Dekret (auf Basis von Lumen Gentium 8) mit über 2000 Stimmen bei weniger als 20 Gegenstimmen angenommen. Es wuerde das Selbstverständnis der katholischen Kirche neu formuliert. Man spricht heute nicht von Schismatikern und Häretikern, sondern von Geschwisterkirchen. Der Dialog soll auf Augenhöhe erfolgen.

1980 erfolgte die Einsetzung einer Kommission zu Gemeinsamkeiten Orthodoxie und kath. Kirche (Dialog). Nach dem Fall des eisernen Vorhanges kam es zu einer Krise, seit 2006 wurde der Dialog jedoch wiederbelebt (Benedikt XVI).

Für die heutige Zeit gab Prof. Prokschi folgende Impulse: Wir sind wie unterschiedliche Seilschaften zum Gipfel, auf dem das Kreuz steht. Wichtig ist dabei die Erreichung des Zieles, dem Kreuz.
Bei der Beschäftigung mit dem anderen müssen wir uns fragen, was wir dabei für uns lernen können.


Interessant war auch der Gedanke, das Amt des Petrusnachfolgers und das Amt des Patriachen zu unterscheiden. Auch kann man überlegen, innerhalb der katholischen Kirche mehrere Patrichate einzuführen (etwa für Afrika, Nordamerika, ...).


Bei den zahlreichen Wortmeldungen im Anschluss an den Vortrag meldete sich auch der evangelischer Pfarrer Christian Brost zu Wort: es gibt auf Pfarrebene bereits viele gemeinsame Aktivitäten; er könne sich auch weitere Aktivitäten vorstellen, etwa im Bereich der neuen Medien.


Zum Abschluss noch eine Aussage von Prof. Prokschi, die das Wesen und die Bedeutung der Ökumene gut zusammenfasst: Es ist keine Frage, ob Ökumene notwendig ist oder nicht. Sie ist ein Auftrag des Herrn. Durch die Taufe sind wir im Leib Christi eins!


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